Full text: Wissenschaftliches Arbeiten

Das sprachliche Verständnis 3 
Vgl. Z. Palfray, Defions-nous des traductions, in: Revue du clerge 
france. 10 T. 39 (1904, 3) 397—401; Ch. de Smedt, Principes de la 
eritique historique 103 f. Letzterer weist mit Recht darauf hin, daß 
z. B. Baronius deshalb mancher Irrtum unterlaufen ist, weil er des 
Griechischen unkundig war und sich daher bei griechischen Texten 
auf die lateinische Übersetzung verlassen mußte. Und man braucht ja 
wahrlich nicht ins sechzehnte Jahrhundert zurückzugehen, um Bei- 
spiele ähnlicher Irrtümer zu finden. 
b) Bei dem Studium der Sprachen darf man sich 
jedoch nicht etwa bloß mit einer schulmäßigen Kenntnis 
des klassischen Sprachgebrauchs begnügen. Für die eigent- 
lichen Klassiker wird dieselbe schon kaum ausreichen. Bei 
anderen Texten steht man aber fast bei jedem Schritt vor 
neuen Rätseln, wenn man über das Studium der Gram- 
matik und des Lexikons der klassischen Sprache nicht 
hinausgekommen ist. Man muß sich daher mit dem be- 
sonderen Sprachgebrauch jener Periode und 
jener Gegend möglichst vertraut zu machen 
suchen, der unsere Quellentexte angehören, und zwar 
nicht bloß wo es sich um so schwierige Begriffe wie 
öx6otacıc im Nicaenum handelt. Wer mit hellenistischen 
Texten zu tun hat, muß im Gebiet des hellenistischen 
Griechisch gründlich Umschau halten, und wer mit mittel- 
alterlichen lateinischen Dokumenten sich beschäftigt, muß 
das vulgäre Latein der späteren Zeiten studieren, 
Überall wird man Wechsel und Wandel im Wortschatz und 
vielfache Änderung der grammatischen Regeln und syn- 
taktischen Konstruktionen beobachten können. Manche 
klassische Ausdrücke und Wendungen verschwinden, oder 
erhalten eine ganz neue, zuweilen auch eine der früheren 
entgegengesetzte Bedeutung, wie z. B. aus dem klassischen 
reserare = öffnen das mittelalterliche reserare + schließen 
wird!). Unklassische Dialektbildungen und Fremdwörter er- 
langen das Bürgerrecht in der herrschenden Sprache, die 
sich auch in ihrer Grammatik und Syntax oft gar wenig 
um die klassischen Regeln kümmert. 
') U. Mannucei in der italienischen Übersetzung. 
18°
	        
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