Full text: Wissenschaftliches Arbeiten

Das inhaltliche Verständnis _B 
erweiterten und vertieften inhaltlichen Verständnis reicht 
die sprachliche Betrachtung nicht mehr aus, mag sie auch 
noch so allseitig angestellt werden. 
Wir müssen zu diesem Zwecke vorzüglich eine doppelte 
Seite berücksichtigen, die wir als persönliche und sachliche 
unterscheiden können. 
1. Die persönliche Seite bezieht sich auf die Person 
des Autors und alles das, was in seinem Lebensgang und 
in seinen äußeren Lebensverhältnissen auf seine Anschau- 
ungen und seine Entwicklung einen Einfluß ausgeübt hat. 
Je klarer und wahrer das Bild ist, das wir uns von der 
Person eines Schriftstellers machen, desto vollkommener 
werden wir auch in seine Gedanken und Vorstellungen 
einzudringen vermögen. 
a) Die einzelnen Züge zu diesem geistigen Bilde eines 
Autors müssen wir uns zunächst aus allen uns zugänglichen 
Nachrichten über seine Person, seinen Charak- 
ter, seinen Lebens- und Bildungsgang zusammen- 
suchen. Auch seine eigenen Schriften werden uns manchen 
Zug zu diesem Bilde bieten, ohne daß wir deshalb den Vor- 
wurf eines fehlerhaften Zirkelschlusses zu fürchten brauchen. 
Denn wenn an dieser oder jener Stelle dieser Schritten deut- 
lich ein bestimmter. Charakterzug hervortritt, so kann ich 
doch dieses Charakterbild, das sich allmählich immer klarer 
gestaltet, wiederum bei anderen weniger deutlichen Stellen 
verwenden, um. tiefer in das sachliche Verständnis des 
Textes einzudringen. Ebenso werden persönliche Erlebnisse, 
die der Autor in seinen Schriften erzählt, oft neues Licht 
auf schwierige Textstellen werfen. 
b) Ein Schriftsteller steht aber nicht allein in der Welt. 
Das Bild seiner Persönlichkeit dürfen wir ebensowenig iso- 
lieren. Wir müssen den Mann im Kreise seiner Fami- 
lie sehen oder in der Gesellschaft seiner Freunde 
und Bekannten?). Vielleicht zeigen sich da gewisse Strömun- 
gen, Tendenzen und Anschauungen, deren Spiegelbild uns 
1) „Lamennais et Beranger s’eclairent mutuellement; de m6&me 
Renan et Berthelot“. Franz. Bearbeitung p. 105. 
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