Das Verständnis der Quellen
in dem einen oder anderen Texte begegnet. Vielleicht
mögen uns die Einwirkungen vonseiten der Umgebung den
lange vergeblich gesuchten Schlüssel zu manchem Rätsel
an die Hand geben.
c) Doch auch außerhalb dieses nächsten Kreises müssen
wir schon mit Rücksicht auf die Person des Autors Umschau
halten bei seinen Volks- und Zeitgenossen, mit denen
er in vielen Stücken die gleichen Ansichten und Meinungen
teilte. Wenn wir uns etwas mit den vorherrschenden Ideen
und Anschauungen der Zeit vertraut gemacht haben, wird
uns das Verständnis der Gedanken und Vorstellungen eines
einzelnen Mannes viel leichter werden, der durchgängig auf
dem Standpunkt seiner Zeitgenossen steht und als „Kind
seiner Zeit“ in Wort und Schrift sich äußert. Je weniger
eine scharfe Scheidung zwischen den individuellen Ansichten
des einzelnen und dem Gemeingut seiner ganzen Zeit mög-
lich ist, desto notwendiger muß man. die Anschauungen
der näheren und entfernteren Umgebung eines Autors stu-
dieren, um sich ein klares Bild von dem Inhalt seiner
Schriften zu machen.
d) Wie Zeit und Volk so haben auch Ort und Land
in der Regel dem Autor ihren Stempel aufgedrückt. Schon
in dem Charakter seines Volkes hat er einen Teil der phy-
sischen Einwirkung seiner heimatlichen Landesnatur mit
zu tragen. Sie werden auch in seiner Denkweise und in
manchen seiner Bestrebungen zum Ausdruck kommen und
infolge der geheimnisvollen Wechselwirkung zwischen Natur-
und Geisteswelt vielfach seiner Auffassungs- und Ausdrucks-
weise ihre besondere Färbung geben.
Wer auf alle diese verschiedenen Momente hinsichtlich
der Persönlichkeit eines Autors achtet, dem mag es viel-
leicht gelingen, sich ganz in den Kreis seines Denkens und
Wollens und Fühlens hineinzuleben und so seine Eigenart
in sich gewissermaßen zu reproduzieren. Diese Kongenialität
befähigt ihn dann am besten, zum vollen Verständnis des
Gedankeninhaltes eines Textes zu gelangen, soweit die persön-
liche Seite in Betracht kommt.
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