Full text : Wissenschaftliches Arbeiten

204 Das Verständnis der Quellen
auftauchen und wieder verschwinden. Gegen die Betrugshypothese des
Reimarus tritt Paulus mit seiner reinen Natürlichkeitserklärung auf,
deren Vernichtung durch die Mythentheorie von David Friedrich Strauß
er selbst noch erleben muß. Die Grundlage des Mythus wird zum guten
Teile wieder zerstört durch die Tübinger Tendenzkritik, der sich Strauß
selbst immer mehr zuwandte, bevor er sich ganz dem Materialismu:
in die Arme warf. Die Voraussetzungen beider Hypothesen wurden
in unseren Tagen durch die moderne Evangelienkritik immer mehr als
unhaltbar nachgewiesen. Vergebens bemühen sich die Anhänger dieser
modernen kritischen Richtung, von einem mehr eklektischen oder vom
extrem eschatologischen Standpunkt aus zum richtigen Verständnis der
evangelischen Quellenschriften zu gelangen. Die mannigfach verschlungenen
 Irrpfade, auf denen sich alle diese Hypothesen bewegten und
bewegen, haben alle einen und denselben Ausgangspunkt, das Vorurteil,
als ob eigentliche Wunder und geschichtliche Tatsachen sich gegenseitig
ausschließen müßten. Mag man noch 'so sehr den Fortschritt rühmen,
den die moderne Wissenschaft in Behandlung der Wunderfrage gemacht
hat, so lange man in dem rein geschichtlichen Kerne der evangelischen
Berichte nicht wahre und wirkliche Wunder anerkennen will, wird man
mit jeder neuen Hypothese den Berichten selbst nur auf eine neue Art
Gewalt antun und sie schließlich völlig zerstören und vernichten, ohne
zu einem richtigen Verständnis der Texte zu gelangen. — Wir werden
bei Besprechung der. Regeln der Kritik auf diese Wunderfrage noch
zurückkommen müssen.
Wie sehr übrigens eine vorgefaßte Meinung selbst für das einfache
 sprachliche Verständnis hinderlich sein kann, zeigen z. B. die Ausführungen
 Otto Zöcklers über einen Text des Epiphanius in der „Realenzyklopädie
 für protest. Theologie und Kirche“ von Herzog-Hauck
(12® 313 f): „Trotz der verherrlichenden Züge, womit man ziemlich
frühzeitig das Bild und die Geschichte der Maria ausstattete, war man
bis gegen Ende des 4. Jahrhunderts noch nicht geneigt, ihr einen Kult
zu widmen oder gar Gebete an sie zu richten. Maria, sagt Epiphanius,
werde in Ehren gehalten, aber nicht angerufen, dem Herrn allein gebührt
 Anrufung (xpooxvveio%o0)“, Die ganze Beweisführung aus diesem
Text des Epiphanius steht und fällt mit der Voraussetzung, daß unter
xpooxvveiv nur „Anrufung“ und nicht etwa die dem Herrn allein gebührende
 Anbetung zu verstehen ist. Diese letziere Bedeutung läßt
sich aber nicht bloß aus dem klassisch-griechischen und dem neutestamentlich-hellenistischen
 Sprachgebrauch als durchaus gewöhnlich
und deshalb hier möglich, sondern auch aus dem ganzen Kontext des
Epiphanius als hier ausschließlich von ihm gemeint nachweisen. Die
Worte sind der Widerlegung der 79. Irrlehre in dem Hauptwerke des
Bischofs von Salamis entnommen. Sie beschäftigt sich mit den Kollyridianerinnen,
 die Maria göttliche Ehre erwiesen, indem sie ihr Brot-
            
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