Full text: Wissenschaftliches Arbeiten

Hilfsmittel: Äußere Textzeugen 211 
lage und nach den gleichen Normen ihre Arbeit leisten, die wo möglich 
mit Hilfe der Photographien zu kontrollieren ist. 
„Bei der Kollation selbst sind auch Orthographica, Spiritus, Ak- 
zente u. dgl. zu notieren, obwohl sie nicht in. den Apparat kommen, 
weil sie für die Erklärung von Korruptelen oder für das Erkennen des 
Handschriftenverhältnisses wichtig sein können. Besondere Aufmerk- 
samkeit ist auf Lücken im Text und auf Korrekturen und Rasuren zu 
richten. Zu notieren sind auch die Stellen, wo plötzlich spitzere oder 
breitere Feder, hellere oder dunklere Tinte, breitere oder engere Schrift 
beginnt“ (0. Stählin aaO. 407; vgl. ebd. 404—7). 
Wer in der glücklichen Lage ist, unter alten Handschriftenschätzen 
ein noch nicht benütztes Manuskript aufzufinden, wird leicht dazu 
geneigt sein, seinen Wert zu überschätzen. Es ist zwar psychologisch 
leicht erklärlich, mahnt aber deshalb umsomehr zu großer Vorsicht. 
Eine gute kritische Ausgabe mit ausführlichem kritischen Apparat 
macht bei vielen Texten für den gewöhnlichen Gebrauch bei einer 
wissenschaftlichen Arbeit das Zurückgehen auf die Handschriften ent- 
behrlich. 
b) Die ältesten Drucke eines Textes (editio princeps 
oder auch spätere Ausgaben) müssen dann als Textzeugen 
berücksichtigt werden, wenn sie auf jetzt verschollene oder 
verlorene Handschriften zurückgehen, 
Bei der Vorbereitung einer neuen Textausgabe müssen möglichst 
alle früheren Ausgaben verglichen und verwertet werden (vgl. O0. Stäh- 
lin 400 f). 
c) Als Zeugen des ganzen Textes sind ferner die 
alten Übersetzungen wichtig, weil sie häufig aus viel 
älterer Zeit stammen als die meisten Handschriften. So 
würden wir zB. für den hebräischen Bibeltext des Alten 
Testamentes mit unseren Handschriften nicht viel über 
das zehnte Jahrhundert n. Chr. hinauskommen, während 
uns die griechische Übersetzung in das zweite vorchristliche, 
die syrische, lateinische und koptische Übersetzung in das 
zweite und dritte nachchristliche Jahrhundert hinaufführen. 
Für die Verwertung der Übersetzung muß aber außer den 
allgemeinen kritischen Faktoren noch besonders die Treue 
der Übertragung, ihr Verhältnis zum Original und die Er- 
haltung ihres eigenen Textes geprüft werden. 
d) In ähnlicher Weise wie die Übersetzungen können 
auch die alten Kommentare und Scholien zu einem 
an 
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