Die Beurteilung der Quellen
In umfassendster Weise hat zB. Herman Freiherr von Soden in
seinem Werke „Die Schriften des Neuen Testamentes“ (Berlin 1902—13)
sämtliche Zeugen des neutestamentlichen Textes neu gruppiert und auf
drei große Familien zurückgeführt, aus denen er die „älteste erreich-
bare Textgestalt“ wiederherstellen will. Für die Bezeichnung der Kodizes
verwendet er statt der unpraktischen großen und kleinen Buchstaben
arabische Ziffern, bei denen die Gestaltung der Zahl als Merkzeichen
für das Jahrhundert verwertet wird Doch ‚sind gegen die Bezeich-
nungsweise v. Sodens mehrfach gewichtige Bedenken geäußert wor-
den, die C. R. Gregory in seinem Werke: „Die griechischen Hand-
schriften des N, T.“ (Leipzig 1908) durch eine neue Art der Bezeichnung
zu vermeiden sucht. Vgl. auch J/. Sickenberger in: Theol. Revue 8
(1909) 73—9.
Ein vorzügliches Beispiel für die kritische Bewertung und. Grup-
pierung der Textzeugen bietet auch die Schrift von L. Duchesne, Etude
sur le Liber Pontificalis. Paris 1877.
Jedenfalls ist diese Gruppierung der Textzeugen nach ihrer Fa-
milienzugehörigkeit und ihre Bewertung nach dem Verhältnis zu einer
gemeinsamen Quelle ein bedeutender Fortschritt der Kritik in der Beur-
teilung der Quellen gegenüber der früher geltenden Weise, die Zeugen
zu zählen und höchstens noch außer der größeren Zahl das Alter zu
berücksichtigen und den älteren Texten vor den jüngeren den Vorzug
zu geben.
B. Innere Kriterien. Andere Merkmale zur
Beurteilung der Quellen werden den Texten selbst ent-
nommen.
Diese inneren Kriterien lassen sich für die Beurteilung
eines Textes in dieselben Gruppen zusammenfassen wie für
die Interpretation der Quellen. Einerseits wird die Prüfung
des sprachlichen Ausdruckes einer Schrift mit allen seinen
grammatischen und stilistischen Eigentümlichkeiten als phi-
Jologische Grundlage der Untersuchung die vollste Beach-
tung verdienen, und anderseits kann eine sorgfältige Be-
trachtung des Inhaltes nach der persönlichen Und sach-
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