20 Entwicklung der Seminare an den modernen Universitäten
in‘ der Heranbildung von geschickten Schulmännern nicht
außer acht gelassen werden. "Tatsächlich aber betrachtete
der Vater der klassischen Philologie und Altertumswissen-
schaft es als die Hauptaufgabe seiner Stiftung, gelehrte
Philologen heranzubilden, und diese Aufgabe hat das In-
stitut unter der 23jährigen Leitung seines Gründers auch
in hervorragender Weise erfüllt. Allerdings mußte Wolf
selbst im J. 1810 bei den Verhandlungen über die Errich-
tung eines ähnlichen philologisch-pädagogischen Seminars
in Berlin ausdrücklich einen doppelten Mangel seiner Hal-
leschen Gründung anerkennen, nämlich „daß junge Leute
oft schon in der ersten Hälfte ihrer Studien zu einer ge-
lehrten Tätigkeit getrieben wurden, ehe sie ihre eigene
tiefere Bildung weit genug gebracht hatten, und daß alles
Praktische beinahe ganz fehlte“.
6. Wie in Berlin so wurden im Lauf des 19. Jahr-
hunderts an allen deutschen und ebenso an den österreich-
ischen Universitäten und im Ausland philologische Seminare
für die klassischen Studien nach dem Muster der Wolfschen
Anstalt in Halle eingerichtet. Zu den altphilologischen
traten dann allmählich ähnliche Institute für die übrigen
Zweige der akademischen Lehrtätigkeit hinzu, vorzüglich
für den neusprachlichen, geschichtlichen und geographischen,
naturwissenschaftlichen und mathematischen Unterricht. Um
die Übungen des‘ Seminars auf einen kleineren Kreis be-
schränken und erfolgreicher gestalten zu können, wurde
vielfach ein sogenanntes Proseminar als Vorstufe für die
Studierenden der ersten Semester eingeführt.
7. In Frankreich erlangte namentlich die Ecole des
Chartes (seit 1821) für das Studium des Mittelalters und die
Ecole pratique des Hautes Etudes (seit 1868) insbesondere
für die geschichtlichen und philologischen Studien große
Bedeutung; sie folgen der seminaristischen Bildungsweise.
Im übrigen sind die französischen Universitäten und Institute
hinsichtlich der Seminare noch weit zurück, wenngleich ein
guter Anfang vielerorts gemacht ist. In Belgien wie in den
Vereinigten Staaten von Amerika gibt es zahlreiche Hoch-