30 Zweck und Bedeutung der seminaristischen Bildungsweise
5. Enge mit der formellen Seite verbunden und doch
wieder gesondert von derselben zu betrachten ist das dritte
und wichtigste Moment bei der Aufgabe der Seminare,
nämlich die praktische Anregung und Förderung
der selbständigen Mitarbeit der Studierenden.
Ohne eine solche wirksame Anleitung wird der allgemeine
Zweck der Seminare überhaupt nicht erreicht werden
können; denn nur durch selbstgewolltes und selbsttätiges
energisches Arbeiten ist ein tieferes Eindringen in die
verschiedenen Gebiete der Wissenschaft möglich, deren
Vertreter aus den Seminaren hervorgehen sollen, und nur
unter der Leitung eines erprobten Führers wird der Anfänger
in der Regel die Irr- und Umwege vermeiden, auf
denen schon so mancher sich verloren hat.
9. Bedeutung der Seminarbildung. Aus dem
geschilderten Zweck der Seminare geht nicht bloß die Berechtigung,
sondern auch die hohe Bedeutung der seminaristischen
Bildung klar hervor. Auch über diesen Punkt
hat die Geschichte längst ihr Urteil gesprochen.
1 Schon die Lehrer der alten Schulen sind sich über
die Bedeutung der praktischen Anleitung zum selbständigen
Arbeiten klar gewesen und haben deshalb den mannigfachen
privaten und öffentlichen akademischen Übungen und Veranstaltungen
eine so liebevolle Pflege gewidmet. Dem Gesagten
will ich hier nur noch die Worte Hartmann Grisars
beifügen, der in seinen „historischen Schildereien“ „Aus
dem Studentenleben im alten Innsbruck“ bemerkt: „Ähnlich
unseren gegenwärtigen sogenannten Seminarien bildeten
diese akademischen Übungen allwöchentlich die Ergänzung
zu den Lektionen und gaben einen Sporn zu
Selbständigkeit des Arbeitens, zur Übung auch in klarem,
raschem Ausdruck der Gedanken. Die Alten sind, was
praktische Anleitung zur Aneignung des Wissensstoffes betrifft,
von der späteren Zeit nicht überholt worden“ (p. 18).
2. Die geschichtliche Entwicklung des höheren Unterrichts
im neunzehnten Jahrhundert hat diese Anschauung