Bedeutung der Seminarbildung 31
der alten Schule voll und ganz bestätigt. Gerade in den
letzten Jahrzehnten ist von kompetenten Autoritäten die
große Bedeutung der Seminare wiederholt und mit großem
Nachdruck hervorgehoben worden. Mit Rücksicht auf die
oft betonte Reformbedürftigkeit unseres heutigen Universi-
tätsunterrichtes wurde immer energischer die seminaristische
Bildungsweise als eines der hauptsächlichsten Heilmittel
bezeichnet.
Wilh. Fries sagt darüber unter anderem: „Was ‚die Methode des
Studiums betrifft, so muß der Student danach streben, aus der bloßen
Rezeptivität des Hörens und Nachschreibens möglichst bald zur Selbst-
tätigkeit zu gelangen; sonst schwellen seine Hefte an, ohne daß ein
wirkliches Eindringen in die Wissenschaft erfolgt. Auch fördert nicht
die Menge der Vorlesungen, sondern die Art, wie dieselben orientieren
und anregen ... Wenn bereits aus Professorenkreisen heraus die Re-
formbedürftigkeit des Universitätsunterrichtes zugestanden wird, so ist
derselbe sicherlich einer Verbesserung fähig, und zwar nach der Rich-
tung, daß einerseits die Studenten sich nicht mehr allein dessen ge-
trösten, was sie schwarz auf weiß nach Hause tragen, andererseits die
Lehrenden Gelegenheit nehmen und erhalten, sich davon zu überzeugen,
ob und wie ihr Vortrag verstanden und angeeignet sei. Es kann ja
nur da, wo wirkliche Wechselwirkung zwischen Lehrenden und Ler-
nenden stattfindet, von einem Unterricht die Rede sein. Nun ist der
Weg dazu, wenigstens in der Form einer Ergänzung des gewohnten
Verfahrens, ja längst beschritten worden, läßt sich aber noch gang-
barer machen und weiter ausbauen“. Als Hauptmittel dazu betont
Fries die Vermehrung der seminaristischen Übungen: „Unter diesen
Umständen erscheinen Übungen, vorgenommen im unmittelbaren An-
schluß an schwierige und bedeutsame Vorlesungen, als eine notwendige
Ergänzung und für den künftigen Beruf mindestens ebenso wichtig wie
jene, vorausgesetzt daß ihr Leiter nicht bloß auf selbständige Auffas-
sung und klares Wissen, sondern auch auf Präzision und Sicherheit
der mündlichen und schriftlichen Darstellung dringt“. Er verweist
dabei auf die Münchener Rektoratsreden von Christ (1891) und Bayer
(1892) sowie auf die Ausführungen von Schmidkunz in der Akademischen
Revue 1, 1 p..4 ff (in: Handbuch der Erziehungs- und Unterrichtslehre
2,1B p. 15 9.
Ausführlicher spricht sich in ähnlichem Sinne aus Ernst Bern-
heim in seiner Schrift: „Der Universitätsunterricht und die Erforder-
nisse der Gegenwart“ (Berlin 1898). Er betont zunächst die Tatsache,
daß seit einiger Zeit Schatten aufsteigen, die uns um die Wahrung des
alten Glanzes unserer Universitäten ernstlich besorgt machen müssen.