Full text: Wissenschaftliches Arbeiten

32 Zweck und Bedeutung der seminaristischen Bildungsweise 
„Unter den Universitätslehrern selbst ist die Klage allgemein geworden, 
daß es der studierenden Jugend an innerer Frische und Freudigkeit 
fehle: die jugendliche Lust an der allseitigen Ausbildung zum erwählten 
Berufe ist vielfach einem lauen und flauen Wesen gewichen, das sich 
in verschiedener Weise übel geltend macht, wie wir im Folgenden sehen 
werden, und die Resultate des Unterrichtes schwer beeinträchtigt. Könnten 
die herrschenden Miߣstände von uns Lehrern verkannt werden ..., so 
würden gewichtige praktische Folgen, die immer deutlicher zu Tage 
getreten sind, unwiderleglich davon zeugen“ (p. 1 f). Den Hauptgrund 
dieses Mißstandes sieht auch er in einem Mangel der heutigen Univer- 
sitätsbildung: „In der Tat, wenn wir uns einmal unbefangen in der 
Welt des Unterrichts umsehen und dann auf unsere Universitäten 
blicken, so ist der Eindruck unabweislich, daß sie in ihrer pädago- 
gischen Entwicklung zurückgeblieben sind. Überall sonst sieht man 
in unserem Unterrichtswesen die Ausichten der großen Pädagogen dieses 
Jahrhunderts in die Praxis der Lehrmethoden übergeführt, deren Quint- 
essenz ist, die eigene Denktätigkeit und das selbständige Anschauungs- 
vermögen der Schüler zu wecken und groß zü ziehen. Vielleicht mag 
dieses lebensvolle Prinzip noch immer nicht allseitig energisch genug 
ausgestaltet sein, der Universitätsunterricht ist jedenfalls bisher am 
wenigsten davon ergriffen worden“ (p. 15). Er faßt am Schluß seine 
anregenden Ausführungen, die aus der Schrift selbst einzusehen sind, 
in die folgenden Thesen zusammen: „Unser Universitätsunterricht leidet 
daran, daß die systematisch darstellenden Vorlesungen vom. Katheder 
herunter einen unverhältnismäßig großen Raum im Lehrplan einnehmen; 
sie beschränken bei der passiven Rezeptivität, die sie bedingen, die 
wesentliche Aufgabe des Unterrichts, selbsttätig beobachten, denken 
und arbeiten zu lehren. Diese Aufgabe muß in den Vordergrund 
treten. Demgemäß sollen die 3 bis 6 und mehr Stunden in der Woche 
üblichen sogen. Privatvorlesungen mit geringen Ausnahmen unterbleiben. 
An ihre Stelle sollen treten: 1. kurze Orientierungsvorlesungen . . ., 
worin eine gedrungene Übersicht über die Hauptmomente des Stoffes 
unter wesentlichem Hervorheben der Auffassung gegeben wird, und die 
Hörer durch Nachweis der klassischen Hauptwerke und Handbücher an- 
geleitet werden, sich die Detailkenntnisse selbsttätig anzueignen ... 
9, Praktische Übungen von den ersten Semestern an, je nach Bedarf 
zwei-, vier- und mehrstündig in der Woche, welche die Studenten zu 
allgemein wissenschaftlichem und zu fachmäßig differenziertem Beob- 
achten und Denken heranbilden und sie mündlich wie schriftlich zu 
klarer Formulierung ihrer Gedanken und zu selbständig produktiver 
Tätigkeit anleiten ... 3. Kombination systematischer Darstellung mit 
praktischen Übungen“ (p. 71—3). 
Eine gewichtige Bestätigung der Tatsachen. und des Grundge- 
dankens. von denen seine Abhandlung ausgeht, findet Bernheim im
	        
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