240 Neuntes Buch. Drittes Kapitl.
kein anderes Thema, als der Faust. Es stellt das Sehnen
eines wahrhaftigen Herzens aus den Schlackenformen der Zeit
dar nach größerer Vollendung. Es ist die Prophezeiung eines
höheren, persönlicheren Daseins, wie es spätere Jahrhunderte
der deutschen Geschichte in der Überwindung des sittlichen,
ästhetischen und intellektuellen Konventionalismus der Staufer—
zeit verwirklicht haben. Wie Goethe, so war Wolfram im tiefsten
Grunde seines Wesens der Sohn eines künftigen Zeitalters:
an beiden hat sich bewahrheitet, daß Dichter Propheten sind.
Aber beide prophezeiten, ohne sich von den tiefsten Grund—
lagen des nationalen Lebens zu trennen. Wolfram faßt alles
Streben nach innerer Vollendung, nach Wahrhaftigkeit zusam—
men in dem echt deutschen Begriffe der staete, der Treue:
der unstaete geselle
hat die swarzen varwe gar
unt wirt och nah der vinster var:
so habet sich an die blanken
der mit staeten gedanken.
Es ist nur die Sprechweise einer anderen Zeit, aber der
gleiche Sinn, den Goethes Verse in der Apotheose Fausts atmen:
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.
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Eine nicht geringe Anzahl von Dichtungen der staufischen
Blütezeit ist uns in illustrierten Handschriften überliefert worden:
so das Marienleben des Pfaffen Wernher, der wohl in Augs—
burg in den ersten siebziger Jahren des 12. Jahrhunderts
dichtete, die Eneit Veldekes, der wälsche Gast Thomasins von
Zirclaere, anderer nicht zu gedenken.
Die Federzeichnungen dieser Handschriften entsprechen ganz
dem Charakter der Texte: ihre Gestalten haben etwas unausgereift
Anmutiges, zierlich Konventionelles; ihr Seelenleben bewegt
Parzival J, 10f.