VI. DAS WARENGESCHÄFT 171
2. DIE FORMEN DES GROSSHANDELS
Der Warengroßhandel, auch Kontorhandel genannt, verkauft in
großen Mengen an Händler oder Produzenten. Der große Kapitals-
bedarf, der durch den Ein- und Verkauf in großen Mengen bedingt
ist, und die große Fachkenntnis, die der Großhandel erfordert,
haben eine weitgehende Spezialisierung des Großhandels zur Folge
gehabt, der sich gewöhnlich nur mit einem Geschäftszweige, zumeist
selbst nur mit einem Artikel befaßt; nur im Exportgeschäfte gibt
es Großhändler, die ihre Kunden „vom Hosenknopf bis zur Ka-
none“ zu bedienen suchen.
; Berechtigung und Notwendigkeit des Großhandels ergeben sich
aus den Aufgaben, die er in der nationalen und besonders in der
Weltwirtschaft zu erfüllen hat. Seine Funktion ist, wie die des
Handels überhaupt, die Ausgleichung der Inkongruenzen, die sich
zwischen Produktion und Konsumtion in der verkehrswirtschaftlich
organisierten Wirtschaft ergeben. Für den Warengroßhandel sind
es Inkongruenzen in Bezug auf Ort und Zeit, die er auszugleichen
hat, während dem Kleinhandel mehr die Ausgleichung der Inkon-
gruenzen in der Menge und in der Qualität überlassen bleibt. Dem
Großhandel obliegt so. die örtliche und zeitliche Bereitstellung der
Waren, während die Funktion des Kleinhandels distributiver Natur ist.
Die Ortsverschiedenheit zwischen Produktion und Konsumtion
bedingt einen Gütertransport, der aus wirtschaftlichen und tech-
nischen Gründen nur in großen Mengen vollzogen werden kann.
Der in der Ferne getätigte Einkauf setzt eine genaue Kenntnis der
Markt- und Geldverhältnisse des Bezugsortes voraus und hat schon
infolge der längeren Transportdauer eine längere Umschlagszeit des
Kapitals zur Folge; das Preisrisiko ist größer. Beispiele für diesen
Großhandel sind der Import von Rohprodukten, wie Getreide, Holz,
Häute, Wolle, Baumwolle, Kaffee, Gewürze und ähnliches.
Zu dieser Ortsverschiedenheit tritt die Zeitverschiedenheit
zwischen Produktion und Konsumtion als weitere Ursache für die
Entstehung des Großhandels in den meisten Produkten des Pflanzen-
reiches, die nur einmal während des Jahres geerntet werden. Das
Ernteprodukt wird vom Großhandel aufgekauft, gestapelt und
während des Jahres an den Produzenten und Händler abgesetzt.
Hier gilt es, längere Zeitläufe zu übersehen, das Preisrisiko, das
der Großhandel zu übernehmen hat, wächst. Der Terminhandel
nimmt es ihm ab. Überall dort, wo er in den Börseeinrichtungen
besteht, kann der Großhandel seine Preisbasis durch parallele Termin-
transaktionen sichern und spekulative Engagements weitgehend aus-
schalten. Neben dem effektiven Großhandel entsteht der reine
Spekulativhandel als Gegenspieler, der dem Effektivhandel das Preis-
risiıko abnimmt.
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