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schwerssten Verblödung und Idiotie bis zu den leichtesten Formen, der
sogenannten gesunden Dummheit. Diesen leichtesten Formen braucht
man ebensowenig wie im täglichen Leben in der Krüppelanstalt be-
sondere Beachtung zu schenken, wenn es auch nicht gelingen dürfte,
Qualitätsarbeiter aus solchen Menschen zu züchten. Unbedingt recht
bald erkennen muß aber der Krüppelfürsorger die Fälle, in denen die
geistigen Fähigkeiten erheblich unter dem Mittel der Intelligenz nor-
maler Menschen stehen und für die der normale Betrieb einer
Krüppelanstalt nicht zugeschnitten ist, die Idiotie und Imbezillität,
Fälle, in denen die geistige Entwicklung des Erwachsenen vielleicht
nicht über die eines 7 jährigen Kindes hinausgeht, oder solche, die für
die Normalschule völlig ungeeignet nur in der Hilfsschule notdürftig
gebildet werden können, die aber eine nennenswerte Selbständigkeit
infolge ihrer geistigen Veranlagung niemals erreichen und dauernd
Fürsorge und Anleitung im Leben nötig haben. Auch der Krüppel-
fürsorger muß imstande sein, den Grad des Schwachsinns bei seinen
Pflegebefohlenen mäöglichst bald zu ermitteln. Er muß zu diesem
Zweck vor allem den bisherigen Entwicklungsgang seines Pfleglings
in körperlicher und geistiger Beziehung aufklären, sich erkundigen, wie
der Pflegling früher als Kind gewesen, ob er sich nicht schon als Säug-
ling meistens ganz anders verhalten hat wie seine Geschwister, im
Heimatorte als beschränkt und albern galt, seinen Kameraden zum
Spott diente.
Der angeborene Schwachsinn geht häufig mit körperlichen Ge-
brechen einher, und diese körperlichen Defekte sind oft gerade der
Grund, daß die Schwachsinnigen einer Krüppelanstalt überwiesen
wurden; Lähmungen, Störungen der Sinnesorgane, plumper, unge-
stalteter Körperbau, auffallend kindliches Aussehen, Mißbildungen
des Schädels, Unregelmäßigkeiten in der Gessichtsbildung seien hier
nur angedeutet.
Natürlich dürfen wir nicht aus solchen körperlichen Gebrechen
allein auf Schwachsinn schließen. Solche krankhaften Veränderungen
befinden sich auch bei geistig ganz Vollwertigen. In allen Fällen muß
auch das Seelenleben eines solchen Menschen einer sorgfältigen Prü-
fung unterzogen werden. Fast immer finden wir eine schwere Schä-
digung der Aufmerksamkeit, stumpfes, apathisches Verhalten der
Außenwelt gegenüber, oder die Kinder sind beim Unterrichte nicht zu
fesseln, schweifen jeden Augenblick ab, ihre Aufmerksamkeit wandert
immer von einem Gegenstand zum andern. Es bleibt bei ihnen nichts
haften; ihr Vorstellungsleben ist infolgedessen außerordentlich arm.
Farbenbegriffe, Raum- und Zahlenvorsstellungen sind ihnen fremd.
Das Gedächtnis ist fast regelmäßig recht dürftig. Die Schwachsinnigen
können sich nichts merken, oft nicht zwei Sätze richtig nachsprechen,