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so daß sich die Kranken Verletzungen zuziehen, Krämpfe, Schaum-
austritt aus dem Munde, unfreiwilliger Abgang von Urin, Bewußt-
losigkeit, hinterher Fehlen der Erinnerung. Außer diesen großen An-
fällen beobachtet man auch die kleinen Anfälle. Leichte krampfartige
Zuckungen treten auf, der Kranke verdreht die Augen, wird etwas
unsicher auf den Beinen, stiert einige Minuten ins Leere, das Be-
wußtsein ist oft getrübt, hinterher Klagen über Schwindel und Duntel-
werden vor den Augen.
Man darf nur von Epilepsie sprechen, wenn im Leben des
Kranken wirklich einmal solche epileptische Anfälle einwandfrei fest-
gestellt wurden. Meistens werden ja Pfleglinge, die an epileptischen
Anfällen leiden, aus der Krüppelanstalt sehr bald ausgeschieden, aber
es kommen bei Menschen, die früher einmal in der Jugend an epilep-
tischen Anfällen gelitten haben, später im Leben allerlei Formen der
sogenannten pssychischen Epilepsie vor, und diese können sich auch in
Krüppelanstalten länger halten. Bei solchen Menschen kann man
geistige Störungen beobachten und körperliche Fehler, die in der
Epilepsie ihren Grund haben, periodisch auftretende Schwindelanfälle,
periodisch auftretende mehr oder weniger häufig sich zeigende Kopf-
schmerzen, periodisch auftretende Angstzustände, sich nur von Zeit zu
Zeit zeigendes Bettnässen, Dämmerzustände, alles dieses kann in der
epileptischen Veranlagung seinen Grund haben.
Wir sehen als Folge der epidemischen Gehirnentzündung Läh-
mungsersscheinungen sich entwickeln, eine ausgesprochene Bewegungs-
armut in der ganzen Körpermuskulatur, starres, maskenartiges Ge-
sicht, vornübergebeugte Haltung, starkes Zittern. Die Menschen gehen
oft mit kleinen, trippelnden Schritten, machen den Eindruck eines
schweren Gehirn- oder Rückenmarksleidenden und können wegen ihrer
körperlichen Unbeholfenheit wohl als Krüppel einer Krüppelansstalt
überwiesen werden.
Pfleglinge, auf welche diese Ausführungen passen, befinden sich
zurzeit wenigstens noch in allen Krüppelanstalten, und der Krüppel-
fürsorger muß deshalb diese abnormen Zustände und nervösen
Störungen kennen. Auch leichtere nervöse Erscheinungen, wie nervöse
Tiks, Zwangsvorstellungen, Kopfschmerzen, migräneartige Zustände,
Veitstanz, langdauerndes Bettnässen, psychische Veränderungen zur
Zeit der Menses beobachtet der Krüppelfürsorger nicht selten. Mit
diesen leichteren nervösen Störungen muß sich aber der Hausarzt bei
den ihm überwiesenen Krüppeln abfinden, und diesen krankhaften
Störungen kann auch in der Krüppelanstalt selbst genügend Rechnung
getragen werden. Das trifft aber nicht immer zu bei abnormen
psychischen Zuständen, die vorhin kurz angedeutet wurden.
Der Krüppelfürsorger muß in der Lage sein, solche krankhaften
Zustände richtig deuten zu können, will er nicht die Verhältnisse in der
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