Wirtschaft und Reparationspolitik. 147
besteht auch kein Zweifel, daß die Landwirtschaft genau so stark wie
die Industrie das Bedürfnis nach einer Hilfe hat. Bei allen Handels-
vertragsverhandlungen muß aufs peinlichste auf diese Lebensbedürf-
nisse geachtet werden. Hierbei führt das alte System der Meist-
begünstigung nicht immer ans Ziel, Angesichts unserer handelspoliti-
schen Lage erscheint es oft viel wertvoller, den Grundsatz der Rezi-
prozität anzuwenden und unsere Zugeständnisse genau nach den Ver-
günstigungen zu bemessen, die uns die Gegenseite bietet. Die Reform
unserer Zoll- und Handelspolitik muß von einer Neuordnung unseres
Steuerwesens und unserer Sozialpolitik begleitet sein. Wir müssen
auch im Innern viel genauer rechnen lernen, als es bisher der Fall war.
Kurz, die Welt muß erkennen, daß auch kein einziges der tauglichen
Mittel unversucht bleibt, um die Wirtschaftsnot zu meistern. Nur so
kann die Überzeugung verbreitet und vertieft werden, daß es tatsäch-
lich unmöglich ist, die Reparationslasten zu tragen, ohne von neuem die
deutsche Währung und Wirtschaft zu ruinieren. Die Politik darf nichts
unterlassen, um die Weltmeinung über diese Zusammenhänge und die
tatsächliche Unmöglichkeit der Erfüllung der Reparationsansprüche
aufzuklären. Es ist ein hohes Ziel, das uns gesteckt ist; es gilt, das
deutsche Volk von seinem tragischen Schicksal zu befreien.
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