Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Zunächst indes wurde in Schillers Entwicklung alles 
weitere philosophische Grübeln durch einen mächtigen Drang 
zu handeln abgelöst, wenn auch eben dieser Drang, auf Kunst 
und bald auch auf Wissenschaft, insbesondere Geschichte, ge— 
richtet, die wichtigsten Anregungen zu einem künftigen, höheren 
allgemeinen Denken lieferte. Es sind die Zeiten, da der 
Dichter dem klassischen Altertume näher trat: alsbald erschienen 
ihm seine Vorstellungen einer harmonischen Schönheit und 
einer universalen Schönheitsharmonie lebendiger im Gewande 
der Alten. Und es sind zugleich die Zeiten, in denen ihm aus 
seinen historischen Studien heraus nun doch ein besonderer 
Beruf, die Vertretung einer Geschichtsprofessur in Jena, er⸗ 
wuchs. Es war eine seiner Natur entgegenkommende Auf— 
forderung zum Durchdenken universalgeschichtlicher Probleme; 
nun erschien ihm die Kunst als Erzieherin des Menschen— 
geschlechts und Bezähmerin wilder Sitten, und jene philo— 
sophische Auffassung des Schönen als des harmonischen Aus— 
gleiches der mehr sinnlichen und der mehr geistigen Kräfte des 
Menschen ward zur Grundlage einer kulturhistorischen An— 
schauung des Entwicklungsganges der Menschheit. 
Aber wie hätten bei Schiller die eigentlichen philosophischen 
Regungen jemals länger ruhen können. In jenem glücklichsten 
Jahre vielleicht seines Lebens, da er in Jena als junger Ehe⸗ 
mann und neuernannter Professor Haus hielt, 1790, drängten 
sie sich wiederum machtvoll empor. Und nun ließ sich, zur 
festeren Fundamentierung, Kant nicht mehr umgehen; Schiller 
wollte sich ganz in ihn versenken, und wenn es ihn drei 
Jahre seines Lebens koste; und er begann mit dem Studium 
der soeben erschienenen Kritik der Urteilskraft, die unmittelbar 
in die ihn zumeist fesselnden ethischen und ästhetischen Fragen 
rinführte. 
Gewiß ist denn auch die Kantsche Philosophie das Stahl⸗ 
bad gewesen, worin der Dichter seine starke philosophische An⸗ 
lage zu männlicher Klarheit des Denkens geläutert hat. Und 
sicherlich sind einige Teile der Kantschen Lehren unmittelbar 
oder in stark nachgebildeten Analogien in seinen geistigen Besitz
	        
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