Object: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

352 Siebentes Buch. Zweites Kapitel. 
Rom, und die normannischen Retter Gregors erschienen; am 
28. Mai stürmten sie die ewige Stadt. 
Aber sie hausten furchtbar in Mord und Plünderung und 
brachten den unglücklichen Papst auf diese Art um die letzten 
Sympathieen der römischen Bevölkerung. Befreit, fühlte er sich 
gleichwohl nicht sicher in Rom; darum entwich er mit dem 
Heere Roberts nach Süden, während Clemens III. nach Rom 
zurückkehrte und eine friedliche Herrschaft errichtete. Gregor 
aber zog durch die Campagna nach Monte Cassino, von Monte 
Cassino nach Benevent, von Benevent nach Salerno. In Salerno 
endlich fand er eine bleibende Statt. Und alsbald nahm er 
den Kampf gegen Heinrich wieder auf. Eine Synode ward be— 
rufen, sie bannte Heinrich zum fünften Male: vergebene Mühe. 
Bittschreiben und Ermahnungen ergingen an alle Welt zu einem 
Befreiungs- und Kreuzzug für die Person des Papstes: um— 
sonst; nicht einmal Robert Guiscard wollte sie hören. 
So zur Ruhe gezwungen, starb der Ruhelose am 25. Mai 
1085. Er ist nicht dahingegangen in dem Gefühl oder gar 
der Anerkennung der Thatsache, daß seine Art sich überlebt 
habe. Seine Mittel waren längst verbraucht, weil zu jäh in 
zu scharfer Form verwendet; sein Programm war längst ver⸗ 
abscheut, weil zu abstoßend verkündet. Ihm fehlte das kalte 
Blut, das die großen Politiker aller Zeiten auszeichnet. Gregor 
hatte in seinem Sinne und im hierarchischen Sinne überhaupt 
recht, wenn er sterbend in die biblischen Worte ausbrach, er 
fahre in Elend dahin, weil er Gerechtigkeit geliebt und Unrecht 
gehaßt habe. Sein Fanatismus aber kannte zuletzt nur noch 
die Gefühle verstoßenden Hasses und unbändiger Liebe; das 
Maß edler Menschlichkeit, diu maze, der höchste Wunsch ger⸗ 
manischer Persönlichkeit kommender Zeiten, war ihm versagt. 
Kein eigentlich schöpferischer Geist, als Christ vielfach von alt— 
testamentlichen Vorstellungen geleitet, war er ein schroffer 
Systematiker der Gedanken, die andere gedacht hatten, ein 
realistischer Herold der ersten selbständigen religiöäsen Regungen 
der abendländischen Völker, die in seinen Jahren zur Reife ge— 
langten, ein Verdichter der Ideen seines Zeitalters zu politischen
	        
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