Im Jahre 1922 hat der hochverdiente und allseitig geschätte Altmeister unserer
deutschen Forstwirtschaftspolitik, Herr Geheimrat Prof. Dr. En dr es, die 2. Auflage
seines bekannten , Hand buche s d er Forst politik“ veröffentlicht. Da mag es
manchem als ein Wagnis oder als ein überflüssiges Bemühen erscheinen, wenn der
Verfasser nach Ablauf von kaum vier Jahren eine „JForstwirtschaftspolitik“ erscheinen läßt.
Eine Reihe seiner Ansicht nach triftiger Gründe hat den Verfasser zu diesem Schritt
bewogen. Z un ä ch st war es die bedauerliche Tatsache, daß ein eigentlicher „G r u n d -
r i ß“ der Forstwirtschaftspolitik zur Zeit nicht existiert. Die zu ihrer Zeit ganz guten
und brauchbaren Grundrisse von Gr aner und Sch w app a c< (vgl. das Literatur-
verzeichnis auf Seite 20) kommen, da sie inzwischen zum großen Teil veraltet sind,
heute nicht mehr in Betracht. Die „Forstpolitik“ von Endres aber ist kein
„Grundriß“, sondern ein „Handbuch“, das für den Wissenschaftler und routinierten Fach-
politiker eine wertvolle und unentbehrliche Fundgrube ist, das aber nach den Erfahrungen
des Verfassers der großen Mehrzahl der Jünger unserer Wissenschaft gerade wegen der
Fülle des in ihm gebotenen Wisssensstoffes ein Buch mit sieben Siegeln bleibt und das.
so bedeutsam und wertvoll es als „Handbuch“ auch sein mag, in me t h o do lo g i sch er
und s y ste m at i s ch e r Hinsicht nicht wegzuleugnende Mängel aufweist. – Der von der
methodologischen Auffassung der bisherigen Forstwirtschaftspolitik abweichende m eth o -
d o log i \ ch e Standpunkt des Verfassers war der z w e i t e Grund zur Veröffentlichung
dieses Buches. Für Endres ist die „Forstpolitik“ neben der einseitigen bodenrein-
erträglerischen „Statik“ der „h öchste Gerichts h o f“, die ,ob er ste I n st a n z“ für
die Beurteilung aller Umstände, welche wirtschaftspolitisch das Wohl der Forstwirtschaft
herbeiführen und fördern und das Weh abhalten!). Er ist also der Meinung, daß auf
dem Gebiete der praktisch-politischen Wertungen letztlich eine der möglichen Stellungnahmen
die et h i s ch allein richtige sein müsse. Der Verfasser bekennt sich im Gegensatze hierzu in
methodologischer Hinsicht als Anhänger M ax Weber s und ist mit diesem der Ansicht,
daß wir von unserer Wissenschaft aus nicht vorschreiben können, daß irgend etwas sein soll.
Wir haben nichts zu wollen und zu fühlen, nichts zu befehlen und nichts zu fordern, nichts
einfach zu loben und zu tadeln und müssen die Träger und Jünger unserer Wissenschaft
so erziehen, daß niemals ein Werturteil schlechthin in ihrem Namen auftritt. Wir können
nicht beweisen, daß d a s und nur das gewollt werden soll. Letzten Endes muß jeder
einzelne, jedes Volk, jede Klassse usw. selbst wählen. Unsere Wissenschaft kann daher, wie
M ax Weber sagt?): „niemanden diese Wahl zu ersparen sich anmaßen, und sie sollte
daher auch nicht den Anschein erwecken, es zu können“. Pr akt i \s < e Wissenschaft
1) „Die Entstehung und Bedeutung der Forstpolitik“, A. F.- und I.-Ztg., August 1924, S. 368.
?) Logos, Bd. VII, 1917 bis 1918, S. 58.