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Die Natur philosophie.
hier die Sicherheit der Gegenstände am Anfang: als das Endzie]
aber erweist sich allmählich immer deutlicher der Zweifel und
die Kritik an der herkömmlichen Begriffsbestimmung des Selbst-
bewusstseins. Beide Richtungen der Betrachtung, so wider-
streitend sie scheinen, bedingen und ergänzen einander in ihrem
‚etzten Ergebnis: die doppelte Bewegung, die hier einsetzt, dient
dazu, „Subjekt“ und „Objekt“ mit neuem Inhalt zu erfüllen und
ıhr bisheriges Verhältnis umzugestalten. —
In ihren Anfängen freilich ist die Naturphilosophie dadurch
charakterisiert, dass sie die beiden Momente, an deren schärferer
Scheidung und Klärung auch sie unbewusst mitarbeitet, noch
völlig ungeordnet neben einander enthält. In das Bild der äusseren
Natur sind die Gestalten der subjektiven Einbildungskraft unmittel-
Dar verwoben: neben der exakten Beobachtung, die hier zum ersten
Male getreu und umfassend geübt wird, bestimmen individuelle
Wünsche und Willensregungen die Auffassung und Deutung des
Ausseren Seins. Ein lebendiges und persönliches Zeugnis von
diesem Ineinander der gedanklichen Motive bietet uns die Selbst-
viographie des Cardano dar, in der sich die Kraft des Dämonen-
and Wunderglaubens an einem Vertreter der neuen empirischen
Denkweise und Forschungsart selbst darstellt. Von der eigentlichen
Wissenschaft der Natur bleibt daher diese Richtung ihrem ganzen
Wesen und ihrer Grundanschauung nach getrennt. Es ist verge-
bens, wenn historische Darstellungen und Urteile versuchen, die
scharfe Grenzlinie, die zwischen der Naturphilosophie und der ex-
akten Forschung besteht, zu verwischen. Kepler selbst, der in
seiner aesthetischen Gesamtauffassung des Kosmos noch man-
chen Einzelzug, der hier erwachsen ist, aufnimmt, hat die me-
thodische Schranke, die ihn von den Vorgängern trennt, in be-
wusster Strenge aufgerichtet. In seiner Polemik gegen Männer wie
Fracastoro und Patrizzi reift seine eigene Grundüberzeugung,
reift das Bewusstsein vom auszeichnenden und unterscheidenden
logischen Werte der Mathematik heran. (Vgl. Buch II, Kap. 2). So
unverrückbar indes dieser Gegensatz ist, so darf man dennoch,
wenn es sich darum handelt, die philosophischen Anfänge der
neuen Naturanschauung blosszulegen, an der Epoche der Natur-
philosophie nicht vorbeigehen. Durch den dichten Schleier hin-
jurch, mit dem Phantasie und Aberglauben sie umhüllen, treten