Full text: Forstwirtschafts-Politik

30 Ökonomische Bedingtheit. 
wirtschaftsbetrieb mit einem Sägewerk verbindet, um das von ihm gewonnene Rohholz 
selbst in Halbfabrikate (Kantholz, Bretter usw.) zu verwandeln. Während in der deutschen 
Industrie vertikale Konzentrationen schon vor dem Kriege in größerem Maße vollzogen 
wurden, ist man in der deutschen Forst- und Holzwirtschaft erst nach dem Kriege zu solchen 
Kombinationen geschritten, und zwar sowohl von seiten der Waldbesitzer als auch von 
seiten der Holzindustrie aus. Daß der Waldbesitzer unter den widrigen Verhältnissen der 
Inflationszeit sein überschüssiges Geld in industriellen Unternehmungen arbeiten lassen 
wollte, war genau so verständlich wie die Bemühungen der Holzindustrie, Teile ihres 
Vermögens in Waldbesitz festzulegen. Wie weit diese Entwicklung während der Inflations- 
zeit ging, zeigte ein holzindustrielles Unternehmen in Norddeutschland. Ursprünglich eine 
Möbelfabrik, wurden dem Unternehmen im Laufe der Zeit angegliedert: Säge-, Schäl- 
und Messerwerk, Sperrplattenwerk, chemische Fabrik (Leim, Seife, Mattine und Beize), 
Glasschleiferei und Spiegelfabrik, Schlosserei und Stanzerei (Möbelbeschläge usw.), 
Wagenbau, Zigarrenkisstenfabrik und Spielwarenfabrik. Ferner besaß das Unternehmen 
vier Torfmoore, einen umfangreichen Wagenpark, vier elektrische Schlepper und größere 
Waldungen. 
Die Frage, ob die vor dem Kriege herrschende und auch heute noch vorherrschende 
Spezialisation der Forst- und Holzwirtschaft in verschiedene Stufen der Produktion oder 
eine Kombination dieser voneinander getrennten und auf sich selbst gestellten Produktions- 
stufen zu dem Ganzen eines ökonomischen Geschehens den Vorzug verdient, läßt sich 
nicht allgemeingültig beantworten. Die Beantwortung dieser Frage ist vor allem deshalb 
nicht möglich, weil eine ausreichende Statistik kombinierter Betriebe nicht existiert. In 
einer Freiburger Doktor-Dissertation hat Dr. K ar l A b etz !) den Versuch gemacht, dieses 
Problem zu lösen. Der Versuch A be tz ' bedeutet zwar keine Lösung des Problems, 
stellt aber fraglos einen beachtenswerten Beitrag zu seiner Lösung dar. Von großem 
Werte ist vor allem die von Ab e tz im fünften Kapitel seiner Schrift gegebene Darstellung 
der tatsächlich in praxi durchgeführten Kombinationen der einzelnen Produktionsstufen 
in der Forst- und Holzwirtschaft. Bei der sich an diese Schilderung anschließenden kritischen 
Würdigung von Spezialisation und Kombination kommt Ab e tz zu einer entschiedenen 
Befürwortung der Kombination, deren Vorteile er unter ausführlichem 
Eingehen auf befürwortende Äußerungen der Jetztzeit besonders vom privatwirt- 
s< a ft lich en Standpunkte aus hervorhebt. Cine Beleuchtung der Frage vom 
Standpunkt der heute in Deutschland geltenden forstwirtschaftspolitischen Grundsätze wird 
von Abe h leider nicht vorgenommen. 
Es kann nicht unsere Aufgabe sein, uns an dieser Stelle in ausführliche theoretische 
Erörterungen über dieses Problem einzulassen, das nach unserer Ansicht überhaupt nicht 
allgemeingültig zu lösen ist. ~ Auf Grund einer Betrachtung der tatsächlichen Verhältnisse 
kann jedoch festgestellt werden, daß diese ganze, aus der Not der Zeit entsprungene, auf 
einen weiteren Ausbau der vertikalen Kombination hinzielende Bewegung heute auf allen 
Gebieten des Wirtschaftslebens wieder stark im Abflauen begriffen ist. Eine große Wende 
der diesbezüglichen Anschauungen bahnte vor allem der Zu s ammenbruch des 
Stinnes-Konzerns an. Man beginnt heute einzusehen, daß die neuerdings (1925) 
sich bemerkbar machende Diskrepanz zwischen Produktion, Preisen und Absatz nicht zum 
wenigsten auf der Überschäßung der Konzernmacht und vor allem der Bedeutung der 
!) Bei Neumann-Neudamm 1923 als Broschüre erschienen.
	        
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