Full text : Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

zu lassen. Selbst dem Personenkult in der Politik und im öffentlichen
 Leben fehlt der servile Beigeschmack. Und den Standesdünkel
 verhindert, wenn nicht, wie manche sagen, eine „demokratische
 Achtung vor ehrlicher Arbeit“, so doch jedenfalls ein
kluger Takt. Die oft gebrauchte Lobrede von der amerikanischen
Achtung vor der Arbeit als solcher ist natürlich nur eine rührselige
Übertreibung und Verkennung der Tatsächlichkeit und höchstens
für die erste staatsbürgerliche Unterweisung der unteren Volksschulklassen
 brauchbar. Wenn man Erwachsenen den „Adel der
schwieligen Hand“ preisen will, dann weist man auf die Galerie
bedeutender Männer, die aus dem arbeitenden Volk emporstiegen.
Dem Arbeiter als solchem gilt naturgemäss inkeinem kapitalistischen
Staate die besondere Hochachtung. Vielmehr sieht man in ihm —
hier wie dort — denjenigen, welcher in der allgemeinen Rennbahn
auf der Strecke blieb: „Ferner liefen‘“... Der Unterschied ist,
dass Bürger und Unternehmer dies in Amerika weniger taktlos
zum Ausdruck bringen als in mancher anderen Gegend des Globus.
Ausserdem fanden wir in fast allen Unternehmerkreisen eine
wohlbedachte Rücksichtnahme auf die „öffentliche Meinung“, die
in zunehmendem Masse auch durch die Gewerkschaften beeinflusst
wird und seit dem Kriege — wie in fast allen Ländern, gleichgültig
 aus welchen Motiven — den Arbeiter mehr als früher beachtet.
 Den Tausenden von Besuchern der weltberühmten Mühlenbetriebe
 von Minneapolis verkündet am Eingang ein grosses Schild,
dass in diesen Werken der Achtstundentag durchgeführt sei. Upton
Sinclairs sozialkritischer Roman „Der Sumpf“ hat die verriegelten
Tore der Schlachtbetriebe von Chicago gesprengt und dem Publikum
 den Zulass erwirkt. Und als wir in einem grossen Hotel dem
Direktor sagen liessen, wir hätten soeben vernommen, das Hotel
stehe wegen übler Arbeitsverhältnisse auf der gewerkschaftlichen
Boykottliste, und wir würden, wenn dies zuträfe, gezwungen sein,
das Haus zu verlassen, gab sich die Hotelleitung die grösste Mühe,
uns zu überzeugen, dass unserer Information nur eine längst gewesene
 Auseinandersetzung mit einer Gewerkschaft zugrunde liege
— Was sich später bestätigte — und das Hotel seitdem durchaus
unter die „loyalen Unternehmungen“ zähle, und dass auch die
gerade begonnenen baulichen Erweiterungen von einem organisierten
 Unternehmen ausgeführt werden. In den besseren Fabrikbetrieben
 legt man, . sofern sie unorganisiert sind, überall Wert
darauf, dem Besucher klarzumachen, dass die Arbeitsbedingungen
kaum hinter denen der „union shops“ zurückständen.
Auf der anderen Seite findet man in dieser Beziehung auch
ebenso unerfreuliche Erscheinungen: Vor allem das weitverbreitete
 System der Betriebsspionage. Unternehmer, welche die Ab-138


            
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