dem sie die aufgezählten Merkmale des Siedlerkapitalismus gemein
haben, wenn im Verlauf der Geschichte ihre Bevölkerung
nach Rasse und Herkunft, nach Tradition und kulturellen Voraussetzungen
ebenso homogen geblieben wäre wie diejenige Australiens.
Allein hier tritt die Besonderheit der rassenmässigen Zusammensetzung
der Bewohner in Erscheinung. Elf Millionen
Neger, die vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert noch
Plantagensklaven waren, und eine noch grössere Zahl von Neukömmlingen
aus agrarischen Ländern, ohne berufliche Qualifikation
und mit geringen Lebensansprüchen, sind eine soziale
Menschenkategorie, die von vornherein mit ungleichen, nachteiligen
Voraussetzungen in den Wettbewerb eintritt, eine Proletarierschaft
nach den Wünschen und Bedürfnissen des industriellen
Kapitalismus. So entstand dem Lande eine soziale Unterschicht,
bei der klassenmässige und rassenmässige Benachteiligung weitgehend
zusammenfallen, was den Herrschenden die Trennung der
Gesamtarbeiterschaft bedeutend erleichterte, indem die klare Linie
der einheitlichen Interessen und des sozialen Kampfes der Gesamtarbeiterschaft
verwischt wurde. (Ähnliche Gründe mögen wohl
zeitweise den sozialen Kampf in England gemildert haben, dessen
Kolonialproletariat sich in verschiedenen Formen ebenfalls als
unterstes Ausbeutungsobiekt darstellt, über welchem das heimische
Proletariat als eine Oberschicht gelagert ist.)
Und daneben blieb — der australischen Arbeiterschaft ähnlich —
eine arbeitende Oberschicht erhalten, deren Löhne zu den untersten
einen starken Abstand haben, die wenigstens einigermassen Teilhaber
ist an dem allgemeinen Wohlstande des Landes, und die
verständlicherweise dieses Gefühl auch keineswegs verleugnet.
Staatsbürgerstolz und Freiheitsbewusstsein sind bei ihr sehr
hoch entwickelt. Wer das Verwaltungshaus des amerikanischen
Gewerkschaftsbundes betritt, den begrüsst eine Inschrift, welche
lautet: „The soil of the United States is sanctified by liberty;
the seamen and the last of the bondmen are free“ („Der Boden der
Vereinigten Staaten ist geheiligt durch die Freiheit, der Seemann
und der letzte der Landarbeiter sind freie Männer‘‘), und dies ist
auch ungefähr die Schlüsselnote gewerkschaftlicher Kongressreden
und ähnlicher Auslassungen. Sicher ist es viel weniger
die materielle Besserstellung durch verhältnismässig hohe
Entlohnung, die dieser gehobenen Arbeiterschaft ein solches Gefühl
staatsbürgerlicher Vollwertigkeit gibt, als vielmehr der Umstand,
dass ihr (formell restlos, praktisch vielfach) die Wege offenliegen
zu höheren Ebenen des sozialen Daseins. Dies haben wir
ausgiebig dargelegt.
Der Freiheitskult und die Aufstiegsaussichten haben lange Zeit
in der oberen Arbeiterschicht auch eine Ideologie begünstigt, die
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