Full text : Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

auf sozialem Gebiet jenen Liberalismus des Gehenlassens und
Geschehenlassens befürwortet, und es ist interessant zu sehen,
welcher Wechsel sich gegenwärtig auf diesem Gebiet vollzieht,
wie der Industrialismus, nachdem er, besonders seit dem Kriege,
als Massenerscheinung auftritt, unter der Arbeiterschaft die
Psychologie des Industriearbeitervolkes zeitigt, wie der Gedanke
des Arbeiterseins als Schicksal aufkeimt, folglich soziale Forderungen
 erhoben werden und die Gewerkschaften für den
Arbeiter Sicherungen verlangen gegen die Zufälle der Krankheit,
des Verunglückens usw. Bezeichnend hierfür ist die Stellungnahme
des Amerikanischen Gewerkschaftsbundes zur Unfallversicherung
(siehe Seite 130). Auch der Schutz der Frauen- und Kinderarbeit,
gegen welchen die Industriellen und auch die offiziell regierenden
Gewalten sich so sehr wehren, muss und wird in absehbarer Zeit
sich durchsetzen.
Die Löhne sind hoch, sie sind es insbesondere, wenn man sie mit
den unsrigen vergleicht. Das gilt nicht nur für die gelernten
Arbeiter im engsten Sinne, sondern für weite Arbeiterschichten
darüber hinaus. Wenn wir im Durchschnitt auch mehr als ein Dreifaches
 der deutschen Löhne annehmen, so greifen wir nach dem
vorher Berichteten wahrscheinlich nicht zu hoch.
Aber auch die „Reallöhne‘“ sind hoch, und wir möchten sie im
Durchschnitt auf das annähernd Zweieinhalbfache der deutschen
einschätzen, denn diese eine Wahrnehmung, die wir machten, trifft
in Amerika mehr als in Deutschland zu: Je niedriger der Lohn,
desto höher der verhältnismässige Reallohn! Der ungelernte
Arbeiter in Amerika, der zwischen 3 und 4 Dollar pro Tag verdient,
 hat vielleicht nur den dreifachen Nominallohn des deutschen
Arbeiters gleicher Art. Aber ein solcher Arbeiter wird den
grössten Teil seines Lohnes ausser für die (nach Lebensgewohnheit
 und Volkszugehörigkeit verschieden hohe) Miete für Ernährung
 und Bekleidung ausgeben. Für diese beiden Posten aber
wird er auf seiner bescheidenen Stufe der Lebenshaltung nicht viel
(wenn überhaupt) mehr aufwenden müssen als für die gleiche
Lebensführung in Deutschland. Diese Tatsache haben wir in sorgsamen
 Beobachtungen vielfach bestätigt gefunden. Weder stellt
sich die im Haushalt zubereitete Kost viel höher als bei uns, noch
ist dies in den bescheidenen Speiseanstalten der Fall. In einer
solchen haben wir zum Beispiel in Milwaukee ein Eisbein mit
Sauerkraut zum Preise von 25 Cent, gleich einer deutschen Mark,
erhalten. Man könnte eine Preisfrage daraus machen, wo wir es in
Deutschland für diesen Preis erhalten würden. Solche Speiselokale
 sind in Amerika allerdings zur Massenabfertigung eingerichtet.
 Weibliche Bedienstete geben dem Gast zugleich mit
dem bestellten Essen ein Billett mit dem aufgedruckten Preis, der

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