berichtet, dass ihnen bei Lohnforderungen von Unternehmern, die
Deutschland gesehen haben oder gesehen haben wollen, gesagt
worden sei: „Meine Herren, Sie sollten einmal in Deutschland
leben müssen, dann wüssten Sie erst, was es heisst, fürs tägliche
Brot zu arbeiten.“ Solche Reden zeigen, wie auch die „Arbeiter-
aristokratie‘“ Amerikas ihren Unternehmern jeden Cent in hartem
Kampf abringen muss. Wenn man diese Arbeiter, statt in Ver-
gleichung zu ihren schlechter gestellten Mitarbeitern oder zu denen
anderer Länder, einmal in ihrer Stellung im Rahmen ihrer eigenen
Gesamtwirtschaft und -gesellschaft betrachtet, so sieht man nur
allzu deutlich, dass auch sie, bei aller höheren Lebenshaltung, eben
nur Lohnarbeiter sind, mit deren Kämpfen und mit deren Existenz-
unsicherheit. Und dies wird noch deutlicher zutage treten, wenn
erst die kühne Bahn der Gründeriahre endgültig zurückgelegt ist
und das Wirtschaftsleben sich auf einer normalen Ebene bewegt.
Dann wird das Unternehmertum seine Politik von 1921 in ver-
schärfter Form fortsetzen und auf die Löhne drücken. Mit dem
Versiegen des Einwandererstroms infolge der stark einschränken-
den Gesetzgebung wird gleichzeitig die Regenerierung der unteren
Lohnarbeiterschaft aufhören, was einer weiteren Begünstigung der
Tendenz zur Nivellierung gleichkommt. Das nächstliegende wäre
allerdings, dass die Einwanderersperre fürs erste lohnsteigernd
wirkt. Allein eine solche allgemeine Lohnsteigerung ist — selbst
wenn die Fernhaltung der Einwanderer nicht durch eine stärkere
Bevölkerungsvermehrung im Innern beantwortet werden sollte —
von geringer sozialer Bedeutung gegenüber dem allmählichen
Finschmelzen der bisherigen Oberschicht in eine werdende, mehr
oder weniger homogene, Arbeitermasse. Denn die frühere Ein-
wandererschaft wird sich ein Stück weit dem älteren Stamme
angleichen und aufhören, die billige Konkurrenz zu sein. Das
Unternehmertum aber, dem dann dieses Rekrutenmaterial fehlt,
wird versucht sein, sich durch einen allgemeinen Druck auf
die Löhne schadlos zu halten und mehr noch als bisher auch die
Oberschicht herabzudrücken. Der letzteren und ihren Nach-
kommen wird sich auch der Weg zu höheren Stellungen ver-
schliessen in dem Masse, wie die Ersatztruppe der Einwanderer-
schaft ausbleibt; sie wird mit den anderen zum Grundstock der
industriellen Arbeiterschaft — zur „Arbeiterklasse“: Lasciate ogni
speranza! Dieser Prozess wird wiederum das Gesicht der Arbeiter-
bewegung verändern. Ihr wird es zu einer rein defensiven Not-
wendigkeit werden, immer weitere Kreise, auch der Ungelernten,
der süd- und osteuropäischen Einwanderer, der weiblichen Arbeiter,
der Jugendlichen, der Neger, überhaupt aller Lohnarbeiter, ein-
zubeziehen, den Rahmen der Berufsorganisationen zu überschreiten
und auszuwachsen zu einer allgemeinen Arbeiterbewegung.
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