Full text: Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

und vergrösserten und auch in diesem Lande eine Aristokratie, 
nämlich die des Besitzes, schufen. Ihre Tradition ist aber noch 
nicht alt genug, und die nicht immer sehr saubere Entstehungs- 
geschichte der grossen Vermögen ist zu bekannt, als dass sich um 
die Besitzer dieser Reichtümer derselbe mystische Schleier eines 
eingebildeten Edelmenschentums legen könnte wie um die europäi- 
schen Herrengeschlechter. Die Arbeitsschwielen an den Händen 
sind in der Familiengeschichte noch zu sichtbar, als dass die ameri- 
kanischen Besitzaristokraten über ihre Kreise hinaus Eindruck 
machen könnten, wenn sie die Diffamierung der Handarbeit ihren 
europäischen Genossen nachahmen wollten. 
Die europäische Arbeiterschaft ist in eine Welt hineingeboren 
worden, in der die Existenz einer Herrenklasse als göttliches Gebot 
und ewige, unwandelbare Einrichtung der menschlichen Gesell- 
schaft erklärt wurde. Die amerikanische Arbeiterschaft sieht noch 
in historischer Reichweite die soziale und ökonomische Gileich- 
wertigkeit der Individuen in der Nation. Jene kämpft um die Be- 
seitigung der alten Klassenfesseln, diese wehrt sich gegen die Er- 
kenntnis, dass die ökonomische Entwickelung die gleiche Kette um 
sie zu schmieden bereits längst am Werke ist. Die europäischen 
Arbeiter, belastet mit dem Druck jahrhundertelangen Pariatums, 
ringen noch mit sich selbst um das Bewusstsein wenigstens der 
gesellschaftlichen Gleichwertigkeit; die amerikanischen Arbeiter 
kämpfen um die Erhaltung dieses Selbstbewusstseins; und je mehr 
die ökonomischen Veränderungen die tatsächlich soziale Diffe- 
renzierung vergrössern, um so trotziger betonen sie ihre gesell- 
schaftliche Ebenbürtigkeit. Bei unseren Reisen durch die Staaten 
sind wir immer wieder überrascht worden durch die Sicherheit, mit 
der dort Arbeiter in gesellschaftlichen Kreisen auftreten, in denen 
unter gleichen Umständen ein deutscher Arbeiter sich gelähmt 
fühlen würde durch innere Unsicherheit und Unfreiheit. So haben 
drüben auch das persönliche Verhältnis und der Verkehr zwischen 
Arbeitern und Unternehmern ein anderes Gesicht, wenigstens 
äusserlich, was noch nichts über den Grad des sozialen Empfindens 
der Unternehmer besagen will. Man hört zuweilen, das offensicht- 
liche Bemühen des typischen amerikanischen Unternehmers, 
zwischen sich und den Arbeitern seines Betriebes eine Atmosphäre 
des persönlichen Vertrauens herzustellen, sei nur ein besonderer 
Geschäftskniff, weil die Erfahrung gelehrt habe, dass die Behand- 
lung des Arbeiters als Gentleman förderlich auf seine Arbeits- 
leistungen einwirke. Aber selbst wenn dieses Motiv vorhanden 
ist, erscheint uns doch eine solche Methode des persönlichen Ver- 
kehrs für die Arbeiter sehr viel erträglicher als die Sklavenhalter- 
manieren, in denen sich nur zu viele deutsche Unternehmer gefallen. 
In Wirklichkeit ist natürlich die Form des Verkehrs nicht einseitig 
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