Full text: Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

Gewerkschaften bedienen sich bewusst dieses Mittels. Aus der 
Tatsache, dass es in den Vereinigten Staaten keine parla- 
mentarische Arbeiterpartei gibt, darf keinesfalls geschlossen 
werden, dass die Gewerkschaften ohne Einfluss auf die Gesetz- 
gebung wären. Im Gegenteil glauben sie, dass sie bei dem gegen- 
wärtigen System einen stärkeren Einfluss ausüben können als 
durch die Schaffung einer selbständigen Arbeiterpartei, wenigstens 
auf absehbare Zeit. Gerade diese Überzeugung scheint ein starkes 
Hindernis für die Schaffung einer selbständigen Arbeiterpartei zu 
sein; denn es liegt auf der Hand, dass der Einfluss in den vor- 
handenen Parteiformationen sofort aufhören würde, wenn die Ge- 
werkschaften die Gründung einer eigenen Partei propagierten. 
In der Geschichte der Federation und ihrer Kongresse nehmen 
die Auseinandersetzungen über die Stellung zur Politik und die 
Frage einer eigenen Arbeiterpartei einen sehr grossen Raum ein. 
Im Jahre 1894 wurde sogar eine Urabstimmung darüber in Ver- 
bindung mit einem politischen Aktionsprogramm vorgenommen, 
die aber nur bewies, dass die Masse der Mitglieder diesen Fragen 
überhaupt nur wenig Interesse entgegenbrachte. Auf dem Kon- 
gress dieses Jahres wurde dann auch die Forderung nach einer 
selbständigen Arbeiterpartei entschieden abgelehnt, und zwei Jahre 
später beschloss der Kongress, folgende Bestimmung in das Statut 
aufzunehmen: 
„Parteipolitik, mag sie demokratisch, republikanisch, sozialistisch oder 
sonstwie sein, findet in den Jahresversammlungen des Bundes keinen Platz.“ 
Diese Bestimmung ist natürlich nicht so auszulegen, als ob die Be- 
schäftigung mit politischen Fragen ausgeschlossen werden sollte. 
Man wollte damit nur festlegen, dass die Federation als solche 
sich auf keine bestimmte Partei verpflichtet. Die Absicht, die 
Debatte über die Frage einer politischen Arbeiterpartei auf dem 
Gewerkschaftskongress mit dieser Bestimmung abzuschneiden, 
gelang allerdings nicht. Auf dem Kongress von 1902 hätte ein 
Antrag, der die Notwendigkeit einer besonderen politischen Ar- 
beiterpartei betonte, sogar fast die Mehrheit erreicht. Aber schon 
der nächstjährige Kongress verwarf diese Idee wieder mit einer 
sehr grossen Maijorität. Das wiederholte sich 1907 gegenüber 
einem Antrag des Ortskartells Cleveland, der die Gründung einer 
politischen Partei aus den Gewerkschaften, den Farmerverbänden 
und der sozialistischen Partei forderte. 
Diese Debatte hatte aber doch die Wirkung, mit veranlasst durch 
das Aufkommen einer gewerkschaftsfeindlichen Gesetzgebung und 
Rechtsprechung, dass die Federation eine grössere Aktivität bei 
den politischen Wahlen entfaltete. Die Gewerkschaftsmitglieder 
wurden eindringlichst aufgefordert, bei allen Wahlen nur solche 
Kandidaten zu unterstützen, die sich auf die Arbeiter- 
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