In Deutschland haben wir es auch bei den modernsten Unter-
nehmern in ihrer wirtschaftlichen Einstellung mit Ideengängen zu
tun, denen noch zünftlerischer Solidargeist anhaftet. Ist bei uns
eine Industrie oder eine Branche übergründet, kommt irgendeine
Produktionssparte gegenüber den Rohmateriallieferern oder zegen-
über ihren Fabrikateabnehmern nicht mehr nach ihrem Willen
zurecht, so ist der nächste Gedanke, durch die Schaffung von
Konditionen, festen Bindungen und Konventionen doch noch ihren
Willen durchzusetzen. Daraus erwächst dann beinahe „von ganz
allein“ das Kartell mit Absatzregulierung und Preisterror. Diese
in Deutschland üblichen Unternehmerverbindungen sind trotz aller
entgegengesetzten Behauptungen letzten Endes Zünfte, die jeden
Aussenseiter auf dem Markte ebenso jagen wie im Mittelalter die
Herren Handwerker den Bönhasen (den nicht geprüften, den
„wilden“ Meister). In den Vereinigten Staaten ist diese Entwicklung
nicht möglich geworden, es fehlten die historischen Voraussetzungen.
Hier schwemmte die Einwanderung während eines Jahrhunderts
alljährlich neue wirtschaftliche Energien ans Land. Die Ein-
wanderungswellen warfen ihre Spritzer weit über das riesenhafte
Gebiet der Vereinigten Staaten. Jeder Neuling „fing neu an“, keiner
kümmerte sich um den anderen, alle hatten die gleichen Rechte,
soweit ihre Ellenbogen reichten. Hier gab es keine Möglichkeiten
allgemeiner Kartellierungen und Preisbindungen. Der Unternehmer
musste über den anderen Unternehmer hinweg, wenn er nicht
wollte, dass der andere über ihn hinwegsprang! Es gab kein Aus-
ruhen auf dem Thron des Erfolges, keine Innung, die den Preis für
Stiefelbesohlen, keine Konvention, die die Zahlungsbedingungen,
und kein Kartell, das die Grundsätze festlegte, nach denen dem
Aussenseiter der Hals umzudrehen sei.
Aus dieser Entwicklung und Eigenart ist auch zu erklären, dass
in Amerika das Land der Trusts entstand. Eher war Alleinmacht
möglich als Kartellvereinbarung! Aber auch die Trustherrschaft
untersteht im Gegensatz zu Deutschland in Amerika einer eigen-
artigen und merkwürdigen Korrektur. Es ist nicht die Antitrust-
gesetzgebung, deren Wert für die Praxis bei uns häufig noch
allzu hoch eingeschätzt wird, es ist die geistige Einstellung des
Amerikaners, es ist eine wahre Dollarphilosophie, die die Trusts
kontrolliert. Es ist die Idee vom „Dienst am Kunden“, der Glaube
an die Allmacht des Erfolges aus „Organisation“, aus Durch-
denkung des Betriebes, es ist das Misstrauen gegen den anderen,
dessen Verdienstmethoden man ahnt, weil man von sich selbst
weiss, wie Geld verdient wird, und es ist die Meinung, dass auch
in der Produktionsmaschinerie der Trusts immer noch verteuernde
Fehlerquellen beseitigt werden können. Die Nichtkritik an den
Trusts würde bedeuten, dass deren Einkommen sich zur Rente
=
öU