wieder sanft entschlafenen Dr. Unblutig mit seinem „Kukirol“ in
der Proportion auf die Grösse des amerikanischen Landes und die
Zahl seiner Bevölkerung übertragen denkt, dann ist der Unterschied
des Machtbereiches dieser Einheitsfabrikate im Vergleich zum
„Jedermann“-Kaugummi oder zur „Für-jede-Frau‘“-Tomatensauce
gar nicht so gross.
Der eigentliche Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten
und Deutschland liegt nicht in der dort grossartigeren technischen
Normisierung, sondern in der grösseren Einheitlichkeit der Lebens-
auffassung, der stärkeren Unitormität der Gedanken, der Normi-
sierung der Ausdruckstormen. Aber von der Einheitlichkeit der
Lebensauffassung bis zur Einheitsware, von der Normisierung der
Ausdrucksformen bis zur uniformen Produktion ist noch ein weiter
Schritt. Damit soll nicht gesagt sein — das sei hier ausdrücklich
unterstrichen —, dass die Amerikaner annähmen, in der sinnlosen
Vielgestaltigkeit der Produktion läge irgendein volkswirtschaftlicher
oder gar ein privatwirtschaftlicher Vorteil. Die Erkenntnis der Not-
wendigkeit, die alltäglichen und industriellen Gebrauchsartikel von
der Stahlfeder bis zum Kinderwagen und von der Wringmaschine
bis zum Sarg auf einheitliche Nenner zu bringen, die Typenzahl zu
verringern, ist in den Vereinigten Staaten sicher weiter verbreitet
als bei uns. Aber jede Normisierung bedeutet nicht nur für den
Käufer der Ware, sondern auch für den Produzenten, dass er etwas
von seiner individuellen Herrschaft aufgibt. Bei der Einheitlichkeit
der Lebensauffassung in den Vereinigten Staaten wird der Käufer
noch eher für das normisierte Produkt zu haben sein als der Pro-
duzent, denn für diesen bedeutet die Normisierung zuerst mehr oder
weniger grosse Kapitalinvestierung und die mögliche Veränderung
seines Kundenkreises. Auch in den Vereinigten Staaten ist der Weg
von der volkswirtschaftlichen Erkenntnis bis zu ihrer privatwirt-
schaftlichen Verwirklichung häufig sehr weit. Er wird erst dann
kürzer, wenn rechnerisch klar ist, dass das volkswirtschaftliche
Prinzip privatwirtschaftlich nicht nur keinen Nachteil, sondern auch
Vorteil bringt. Gegenüber dem deutschen Unternehmer hat bei
diesen Berechnungen der Amerikaner den Vorteil, dass er beweg-
licher ist, und dass ihn mit dem, was geworden ist, und mit dem,
was er hat, keine Sentiments, keine Gefühle verbinden. Er wird
bedenkenlos auf das Alte verzichten und das Neue akzeptieren,
wenn das nach seiner Rechnung in Dollar auszudrücken ist. Der
deutsche Unternehmer rechnet schlechter und entschuldigt sich vor
der Vergangenheit, wenn er etwas Neues tun möchte.
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