Full text: Agrarkrisis und landwirtschaftliche Betriebsorganisation

Frau Jakob in Burkhardshain in Sachsen, welche auf der Novembertagung 
der D. L. G. darüber Vortrag gehalten hat, führte an, daß Deutschland 
vor dem Kriege jährlich für 28 Millionen Mark Federn importiert hat und der 
Import jetzt wieder 25 Millionen Mark erreicht haben dürfte. Ohne Ver- 
mehrung der deutschen Geflügelhaltung, lediglich durch sorgfältigeres 
Sammeln der Federn, sollen daran für ca. 5 Millionen Mark gespart 
werden können. Wenn wir uns dauernd ebenso weich betten wollen wie 
vor dem Kriege, so müssen wir eben überall mehr arbeiten und mehr sparen, 
im Großen wie im Kleinen. Die Produktionsbedingungen der Geflügel- 
haltung liegen bei uns doch nicht ungünstiger als beispielsweise in Holland, 
das einen erheblichen Eierexport hat, z. B. vor dem Kriege allein nach 
Deutschland für 8 Millionen Mark schickte. 
 ÖUhnlich so wie auf dem Gebiete der Geflügelzucht sieht es auf dem 
des Gemüsebaues und der Obstzucht aus. Auch hier haben wir einen un- 
zureichenden Zollschutz erhalten. Das ist deshalb besonders zu bedauern, 
weil der Gemüsebau und Obstbau die wichtigsten Hebel einer Steigerung 
der Bodenproduktion sind und gute Gemüsepreise für den Kleinbetrieb viel 
wichtiger sind, als etwas höhere Getreidepreise. Es kommt hinzu, daß nirgend 
so viele Arbeitskräfte (auch Arbeitslose) so leicht und bei so geringen Kapital- 
anforderungen beschäftigt werden können wie beim Gemüsebau. Bei ihm 
haben daher auch Erziehungszölle in erster Linie Berechtigung. Es ist 
doch einfach nicht zu verantworten, daß wir für Millionen von Mark 
Zwiebeln, Blumenkohl, Gurken, Salat, Spinat u. a. mehr vom Auslande 
hereinholen, bloß damit einige wohlhabende Leute diese Dinge besonders 
zur Unzeit essen können. Wer das will und kann, der mag auch die Zölle 
mit tragen. Das Interesse der breiten Volksmassen, die doch nur vom 
späteren Inlandsgemüse leben, wird dadurch nicht negativ, sondern nur 
positiv betroffen, indem viel mehr Menschen im Inlande mit Frühgemüse- 
kulturen beschäftigt werden können. Der Gartenbau ist überhaupt ein 
Schulbeispiel dafür, wie wir die Nahrungsmittelproduktion auch dann heben 
können, wenn es uns an Kapital fehlt, sofern nur Arbeitskräfte zur Ver- 
fügung stehen. Die Arbeitslosenbeschäftigung im Gartenbau ist auch deshalb 
relativ leicht möglich, weil die Wohnungsfrage dabei zum großen Teil aus- 
scheide. Im nächsten Sommer wird sich der Zwang zur Arbeitslosen- 
beschäftigung im Umkreis der Städte in verstärktem Maße fühlbar machen 
und mancher Landwirt, der dort wohnt, wird sich diese Verhältnisse zu- 
nutze machen können. 
Unter den Gartenkulturen im weiteren Sinne des Wortes müßte unter 
den heutigen Verhältnissen auch der Tabaktbau eine besondere Pflege er- 
fahren. Weiter müßte die Verarbeitung des inländischen Tabaks mit allen 
Mitteln gefördert werden. Man kann auch aus deutschen Tabaken sehr 
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