Full text : Agrarkrisis und landwirtschaftliche Betriebsorganisation

Anm 10. Januar 1922, also noch eher, als wir etwas von der Ruhrbesetzung
 ahnten, habe ich auf der Hauptversammlung der Landwirtschaftskammer
 meiner Heimat Schleswig-Holstein in Kiel einen Vortrag gehalten,!)
in dem ich folgendes gesagt habe:
„Die Zeiten einer Besserung unserer Geldverhältnisse werden für die
Landwirtschaft um so schwerer werden, je weiter die Geldentwertung vorher
fortgeschritten war und je weiter daher die Löhne und Preise aller käuflichen
 Produktionsmittel des Landwirtes gestiegen waren. In den Zeiten
wachsender Geldentwertung steigen die Löhne und Preise aller käuflichen
Produktionsmittel des Landwirtes langsamer als die Preise der wichtigsten
Agrarerzengnisse, so daß die Produktionsmöglichkeiten bei allen
genügend einsichtigen Landwirten zunehmen. In den Zeiten einer
Verbesserung der Valuta sinken dagegen zufolge wachsender Auslandskonkurrenz
 die Preise der landwirtschaftlichen Erzeugnisse schneller als die
Preise der Erzeugungsmittel, insbesondere als die Löhne, die sich nicht leicht
wieder abbauen lassen, auch wenn die Kaufkraft des gleichen Lohnes im
Steigen begriffen ist.
Erst eine klare Einsicht in die Verhältnisse dieser kommenden Zeit der
sich besssernden Valuta läßt uns die heutige Lage (1922) der Landwirtschaft
 und ihre Aufgaben richtig erkennen und beurteilen. Heute (1922)
ist es Zeit, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die Bodenproduktion zu
steigern, nicht nur im Interesse des. ganzen, zum größten Teile notleidenden
deutschen Volkes, sondern erst recht im Interesse der deutschen Landwirte
und ihrer Kinder.
Eine schnelle Steigerung der Bodenproduktion allein kann zurzeit eine
weitere Versschlechterung unserer Valuta, eine weitere Steigerung der
Nahrungsmittelpreise, welcher die Lohnsteigerung auf dem Fuße folgen
muß, aufhalten und. damit die zukünftigen Verhältnisse der deutschen Landwirtschaft
 erleichtern. Heute (1922) gilt es, den Betrieb mit allen
Mitteln auf die Höhe zu bringen, damit er die kommenden
") Als Heft Nr. 7 unserer „Betriebswirtsschaftlichen Vorträge“, Berlin, bei Paul Parey
erschienen.
            
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