das erste, nämlich den Irrationalismus, betrifft, so darf man wohl
sagen, daß dem russischen religiösen Geiste, der doch am besten die
nationale Geistesart widerspiegelt, ein unwiderstehlicher Drang zur
Spekulation, zur philosophischen Tiefe und Gründlichkeit angeboren
ist, und daß ihm nichts so sehr widerspricht, als ein lyrisch-verschwom-
mener Subjektivismus, der gewisse westliche religiöse Sekten und
Richtungen auszeichnet. Geistige Nüchternheit, Abstinenz von jeder
Art Entzückungszuständen und Exaltation, ist eine der charakteristi-
schen Forderungen der national-russischen asketischen Praxis; und
damit stimmt auch, daß der genialste national-russische Dichter Pusch-
kin ausdrücklich vor einer Vermischung zwischen poetischer Inspiration
und subjektiver Entzückung warnt und auf die kalte Nüchternheit der
wirklichen poetischen Inspiration hinweist. Es ist eben nicht wahr,
daß dem russischen Geiste — wie man es oft behauptet hört — das,
was Nietzsche das „apollinische“ Element nannte, ganz fehlt und in
ihm nur das „dionysische“ allein vorherrscht. Das Wesen des russi-
schen Geistes muß eben nicht nach Dostojewski allein, sondern zu-
gleich nach Puschkin beurteilt werden. Der russische Antirationalismus
bedeutet nichts weiteres, als daß der russische Geist sich eben weigert,
in der logischen Evidenz und in logischen Zusammenhängen allein den
Ausdruck der letzten und vollen Wahrheit zu erblicken. In diesem
Sinne darf man sagen, daß der russische Geist entschieden empiristisch
ist: das Kriterium der Wahrheit ist für ihn immer im letzten Grunde
die Erfahrung.
Nun merken wir aber sofort den prinzipiellen Unterschied zwischen
dem englischen und russischen Empirismus: er ist in der philosophi-
schen Literatur beider Völker ganz ausdrücklich ausgesprochen. Für
den englischen Empirismus ist Erfahrung gleichbedeutend mit sinn-
licher Evidenz; sie ist restlos in ein Komplex sinnlicher Empfindungs-
data zerlegbar; etwas „erfahren“ heißt im englischen Sinne auf etwas
Außeres, durch sinnliche Wahrnehmung Greifbares, zu stoßen. Ent-
schieden anders ist der Sinn des russischen Begriffes der Erfahrung.
Erfahrung bedeutet für den Russen im letzten Sinne immer das, was
man unter Lebenserfahrung versteht. Etwas „erfahren“ heißt, durch
inneres Erleben und nachfühlendes Verständnis sich etwas zu eigen
machen, es innerlich zu ergreifen und in seiner vollen Lebendigkeit
zu besitzen. Erfahrung heißt hier also, logisch gesprochen, nicht das
äußere Berühren des Gegenstandes, wie es durch sinnliche Wahrneh-
mung geschieht, sondern das Aneignen der vollen Wirklichkeit des
Gegenstandes selbst durch den menschlichen Geist in seiner lebendigen
Ganzheit. Und gegenüber dieser Erfahrung ist auch die logische Evi-
denz nur, sozusagen, ein Berühren der äußeren Oberfläche der Wahr-
heit, ohne Vordringen zu ihrem inneren Kerne, und bleibt deshalb der
vollen und konkreten Wahrheit immer inadäquat.
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