IDas Bewußtsein ist nicht, wie es gewöhnlich angenommen wird, ein
in sich verschlossenes Gebiet, sozusagen ein Gefäß, das seine Inhalte
in sich hätte; es ist, im Gegenteil, offen, es ist seiner Natur nach eine
Beziehung zwischen dem erkennenden Subjekt und dem gegenständ-
lichen Sein selber. Es ist deshalb gar nicht nötig, daß das Bewußt-
sein die Gegenstände sich irgendwie aneigne, sie in sich wiederhole
oder repräsentiere, und alle Schwierigkeiten, die mit der Frage ver-
bunden sind: wie erhält das Bewußtsein eine Kunde vom Sein selber,
oder wie gelangt das Sein zum Bewußtsein, da es doch für ewig
außerhalb des letzteren liegt, und auch der Notbehelf aus diesen
Schwierigkeiten — der kantische Kritizismus — werden damit mit
einem Schlage überwunden. Das Wesen des erkennenden Bewußtseins
besteht eben in einem Gelangen vom Subjekt zum Sein, so wie das
Wesen des Lichtes in der Beleuchtung seiner Umgebung besteht. Wie
es überflüssig und sinnlos ist, zu fragen, ob eine Lampe aus sich selber
hinausgeht, um die Dinge zu erfassen, oder ob und wie es den
Dingen gelingt, in die Lampe hineinzukommen, um von ihr beleuchtet
zu werden, da doch das Wesen der Lichtquelle eben in der Aussendung
von Lichtstrahlen besteht — ebenso sinnlos ist es, zu fragen, wie das
Bewußtsein zu den Dingen herankommt, oder die Dinge ins Bewußt-
sein geraten, da das Bewußtsein seinem Wesen nach eben ein Licht-
strahl, eine Beziehung zwischen dem erkennenden Subjekt und den
Dingen ist. Es ist eben ein primärer Tatbestand, über dessen Mög-
lichkeit gar nicht gefragt werden darf. Diese Frage selber entstand
nur durch einen falschen Begriff vom Bewußtsein, und dieser falsche
Begriff ist seinerseits durch die gewöhnliche naturalistisch-materia-
listische Vorstellung bedingt, daß das Bewußtsein irgendwo im Ge-
hirne, im Menschenkopfe steckt und unmittelbar mit dem Sein in
keine Berührung kommen kann. Hüten wir uns aber: vor einer Ver-
wechselung der idealen, überzeitlichen und überräumlichen Natur des
erkennenden Bewußtseins als solchem mit den natürlichen Bedin-
gungen einer Wechselwirkung zwischen äußerer Umgebung und dem
menschlichen Körper oder Nervensystem, erkennen wir den grund-
legenden Unterschied zwischen beiden, so wird die ganze Schwierig-
keit sofort als eine vermeintliche durchschaut.
Ich selber habe in meinem Buche „Der Gegenstand der Erkenntnis“
(1915) den Versuch gemacht, diese ontologische Erkenntnistheorie
einen Schritt — und, wie mir scheinen möchte, einen prinzipiell wich-
tigen Schritt — weiter fortzuführen, indem ich zugleich an den er-
wähnten Gedankengang von Solowjew anknüpfe, und ich darf mir
wohl erlauben, in diesem Zusammenhange auch über meine Ergebnisse
in ganz kurz gedrängter Form zu berichten. Loßkys Theorie enthält
doch eine wesentliche Lücke. Durch sie wird zwar das reale Erfassen
des Gegenstandes durch das erkennende Bewußtsein verbürgt, aber
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