Full text: Die russische Weltanschauung

bestätigt zu finden, — hat die historische Wissenschaft schon längst 
als einen Irrtum erwiesen. Die russische bäuerliche Landgemeinde ist 
überhaupt kein ursprüngliches Institut des russischen Rechtlebens und 
ist im Gegenteil ziemlich spät und ganz künstlich aus fiskalischen 
Interessen eingeführt worden. Auch darf dem russischen Rechtsbe- 
wußtsein die Neigung zum freien persönlichen Eigentum und Vertrags- 
verhältnissen in keiner Weise abgesprochen werden. Was aber die 
Möglichkeit der kommunistischen Herrschaft betrifft, so hat sie aller- 
dings sehr tiefliegende national-historische Ursachen, die aber nicht 
im positiven Inhalte des russischen Rechts- und Kulturbewußtseins, 
sondern eben in seiner relativen Schwäche liegen; diese Schwäche selber 
steht teilweise ihrerseits im Zusammenhang mit gewissen Kigentüm- 
lichkeiten der russischen Weltanschauung, worüber noch weiter zu 
sprechen sein wird, wurde aber anderseits mindestens sehr begünstigt 
eben durch diese slawophile Theorie selber, die dadurch im großen 
Maße die Verantwortung an der modernen russischen Katastrophe 
trägt. Denn diese verhängnisvolle utopistisch - romantische Theorie 
einer patriarchalisch-kollektivistischen Bauerngesinnung, als einziger 
Stütze der russischen nationalen Kultur und des russischen Staats- 
lebens, diente als Grundlage der ganzen Wirtschafts- und Staatspolitik 
des russischen Konservatismus, die künstlich die Entwicklung zu frei- 
eren und rechtlich bestimmten Formen des wirtschaftlichen und staat- 
lichen Lebens hemmte, vor dem freien und selbstbewußten Eigentümer 
eine Angst hatte und eben dadurch die chaotisch-revolutionäre Gärung 
im Volke begünstigte. 
Was das wirkliche innere Wesen des eigentümlichen russischen 
geistigen Kollektivismus betrifft, so hat es erstens überhaupt nichts 
mit . wirtschaftlichem oder sozialpolitischem Kommunismus gemein- 
sam; und zweitens, trotzdem es einen Gegensatz zu dem Individualismus 
bildet, steht es den Begriffen der persönlichen Freiheit und Individua- 
lität gar nicht feindlich gegenüber, sondern ist im Gegenteil als eine 
feste Stütze ihrer gemeint. Es handelt sich um den eigentümlichen Be- 
griff, der in der russischen Kirchensprache und dann in den Schriften 
der Slawophilen durch das unübersetzbare Wort „Sobornost” ausge- 
drückt wird. „Sobornost“ stammt vom Worte „sobor“ („das Konzil“) 
und bedeutet, in buchstäblicher Übersetzung ungefähr soviel als „das 
Konzilsprinzip“ oder „der Konziliarismus“. Um diesem eigentümlichen 
Begriffe näher zu kommen, empfiehlt es sich auch hier, von dem 
Gegensatze zum westeuropäischen Geiste auszugehen, trotzdem hier, 
wie überall — was ich ein für alle Mal bemerke, um Mißverständnissen 
vorzubeugen, — auch im Westen manche Anklänge und Parallelen 
zu diesem geistigen Prinzipe zu finden sind. Die westliche Weltan- 
schauung geht vom „Ich“ aus; dem Idealismus entspricht der indivi- 
dualistische Personalismus. Es genügt die westliche philosophische 
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