Religion der Verneinung; von einer anderen Seite betrachtet, ist er
überhaupt nicht nur die theoretische Verneinung der Geisteswerte,
sondern das leidenschaftliche Streben, sie praktisch zu vernichten,
das „Stürmen des Himmels“, wie es einmal die Kommunisten selber
nannten, das selber durch den heißesten Glauben, wenn auch nur mit
negativem Inhalt, angefacht wird. Das ist natürlich viel gefährlicher
und viel entsetzlicher, als der einfache kalte Unglaube oder die
Skepsis, die nur zur Passivität, zur geistigen Beschränktheit und
Ohnmacht, vielleicht zum kalt berechneten Verbrechen, nicht aber zur
Zerstörungswut führt. Andererseits aber ist dieser Fanatismus der
Verneinung doch höher zu schätzen als der kalte Unglaube, in dem
Sinne, in dem eine auch falsch verwendete und auf schlimme Ziele
gerichtete Lebenskraft dem Tode, der tötlichen Ruhe und Starrheit
vorzuziehen ist. Es steckt auch im russischen Nihilismus das leiden-
schaftliche geistige Suchen, und zwar das Suchen des Absoluten, wenn
auch das Absolute hier gleich Null ist. Und in diesen Tagen unseres,
durch den Nihilismus verursachten nationalen Unglücks dürfen wir
doch uns damit trösten, daß — wie paradox das auch klingen möchte
— die unerhörte Tiefe des Abgrundes, in den das russische Volk
geraten ist, nicht nur von seiner Verblendung allein, sondern zugleich
doch selbst auch von der Größe seiner, wenn auch falsch gerichteten
geistigen Schwungkraft zeugt. Der triumphierende Nihilismus ist
doch nichts weiter als eine Krise, ein Durchgangszustand im spannungs-
reichen, religiösen Leben eines Volkes, das Dostojewski nicht mit
Unrecht „das gotttragende Volk“ genannt hat.
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Zurück aber zum positiven Wesen und Gehalt der russischen Welt-
anschauung. Da sie zu voller, konkreter und allumfassender Wahr-
heit strebt, die mit der Gerechtigkeit oder mit dem Heil zusammen-
fällt, so ist sie, wie gesagt, durch und durch religiös. Es ist schwerlich
ein Volk anzutreffen, dessen ganze Literatur noch im 19. Jahrhundert
in so großem Maße den religiösen Problemen gewidmet ist, wie es
die russische ist.
Alle großen russischen Dichter sind, wie bekannt, zugleich immer
religiöse Denker oder Sucher gewesen. So Gogol in der letzten
Periode seines Schaffens, so der tragische Lermontow, so der große,
im Westen wenig bekannte Dichter Tjutschew (ein persönlicher
Freund von Schelling), so Dostojewski und Tolstoi, so der feine und
tiefsinnige Kenner der russischen Volksreligiosität Leßkow, so der
merkwürdige Beschreiber der Bauernpsychologie, der seiner bewußten
Anschauung nach ungläubige, innerlich aber tief religiöse Gleb
Uspenski. Sogar der russische Goethe, der geniale Puschkin, ein be-
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