Full text: Die russische Weltanschauung

das Schicksal des Menschen und der Sinn des Menschenlebens steht. 
Das will nicht besagen, daß der russischen Weltanschauung der kos- 
mische Zug fehlt, daß die Naturbetrachtung in ihr keine Rolle spielt. 
Im Gegenteil, man darf sagen, daß die national-russische Religiosität 
ein sehr starkes Gefühl für das Kosmische hat. Die Verehrung und 
Heilighaltung der „Mutter-Erde‘“ ist ein charakteristisches Element 
der russischen Volksreligiosität, das von Dostojewski zuerst mit dem 
für den russischen Glauben so wichtigen Kult der Mutter Gottes in 
Zusammenhang gebracht wurde und dann von Wladimir Solowjew, 
Florensky und Bulgakow zu einer theologischen Theorie der „heiligen 
Sophia“, der Gottesweisheit, als eines göttlich - kosmischen Prinzips, 
als einer Hypostase der Gottheit in der kreatürlichen Welt entwickelt 
wurde. Auch ist die Weltanschauung des schon erwähnten großen 
russischen Dichters Tjutschew durch ein ganz merkwürdig tiefes 
metaphysisches Naturgefühl bestimmt. Die russische Religiosität hat 
überhaupt einerseits durch die Vermittlung der byzantinischen Kirche 
teilweise das antik-griechische, kosmisch-ontologische Element in sich 
aufgenommen, und man darf wohl sagen, daß der Unterschied 
der russischen und westeuropäischen Religiosität bis zu einem ge- 
wissen Grad dem Unterschied zwischen griechischer und römischer 
Antike entspricht; und andererseits hat sie damit die Nachklänge 
des alten slawisch-heidnischen Naturkultes verbunden. Und dennoch 
steht nicht die Natur, sondern eben der Mensch im Zentrum der 
russischen Weltanschauung, und die Natur selber wird nicht panthe- 
istisch als solche vergöttert, sondern im Gegenteil religiös vermensch- 
licht und in die Sphäre der Metaphysik des Menschen hineingezogen. 
Und zwar wird der Mensch, der oben schon dargestellten Eigentüm- 
lichkeit der russischen Weltanschauung gemäß, immer als die Mensch- 
heit, das Kollektivwesen des Menschentums genommen. Das Schicksal 
des Menschen ist immer irgendwie als weltgeschichtliches Schicksal 
der Menschheit gedacht, sein Heil hängt von der Heiligung der ganzen 
Welt ab, und sein wahres Wesen stellt sich immer im sozialen Leben 
dar. Dadurch wird das russische Denken zu einem eminent geschichts- 
und sozialphilosophischen Denken. Das Bedeutendste und Interessan- 
teste, was das russische Denken im 19. Jahrhundert hervorgebracht 
hat — außer der Religionsphilosophie selber, — gehört ins Gebiet 
der Geschichts- und Sozialphilosophie, und die tiefsten und typischsten 
russischen religiösen Gedanken wurden selber im Rahmen geschichts- 
und sozialphilosophischer Betrachtungen ausgesprochen. Das sieht 
man schon daraus, wie bedeutungsvoll für den ganzen Gehalt der 
russischen Weltanschauung im 19. Jahrhundert die philosophische Be- 
trachtung des Verhältnisses zwischen Rußland und Westeuropa ist. 
(So bei den Slawophilen, bei ihren Gegnern, den „Westlern“ [Sapad- 
nikil, bei Tschaadajew, Danilewsky, Konstantin Leontjew, bis zu der 
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