neuesten, in unseren Tagen aufgetauchten Theorie, die die russische
Kultur als „eurasische“, der europäischen gegenüberstellt.) Dabei ist
nicht außer acht zu lassen, daß das Problem des Verhältnisses zwi-
schen Westeuropa und Rußland nicht einfach als ein national-politi-
sches oder kulturgeschichtliches behandelt wird, sondern daß es nur
sozusagen als Sprungbrett dient, von dem aus man sich sofort in die
Höhen der religiös-metaphysischen, oder allgemeiner kulturphilosophi-
scher Betrachtungen versetzt. Die große Frage ist eben die, in welchen
Kultur- und Lebensformen sich die letzte Lebensweisheit ausdrücken
läßt, und worin eigentlich der letzte religiöse Sinn des Menschenlebens
und der Menschheitsentwicklung liegt. Deshalb ist in der russischen
Literatur die Religionsphilosophie von der Geschichts-, Sozial- und
Kulturphilosophie kaum zu trennen, und muß auch gemeinsam be-
handelt werden. Als typischstes Beispiel dieser Verquickung der Reli-
gionsphilosophie mit Sozial- und Geschichtsphilosophie muß zuerst
das Slawophilentum angeführt werden. Es wäre überhaupt ganz
schief, das Slawophilentum seinem Namen nach zu beurteilen. Es ist
in erster Linie und in seinen Grundlagen keine national - politische
Parteirichtung, sondern eine prinzipielle Geistes- und Kulturrichtung.
Sein Hauptgedanke ist — wenn wir ihn mit einem in Deutschland
seit Tönnies geläufigen Begriffe ausdrücken wollten — der der Ge-
meinschaft. Sein Ideal ist eine freie Volksgemeinschaft, die sich auf
der in der griechisch-orthodoxen Kirche verwirklichten Liebesgemein-
schaft der Menschen in Gott aufbaut und die kalten, vertragsmäßig-
individualistischen und utilitaristisch-gewinnsüchtigen Beziehungen der
Menschen, die im Westen im wirtschaftlichen, sozialen und politischen
Leben herrschen, durch liebevolle, hingebende Mitarbeit aller in einem
freien, geistigen Gesamtorganismus ersetzen soll. Dieses Ideal hat mit
den Ideen der deutschen Romantik viel Gemeinsames, und stammt
auch teilweise aus ihr, knüpft aber gleichzeitig an gewisse altherge-
brachte Traditionen der russischen Geschichte und der russischen
Geistesart an. In diesem Zusammenhange eben entwickelt sowohl
Chomjakow seine oben besprochene tiefsinnige Theorie vom Wesen
der Kirche, als auch Iwan Kirejewsky — seine gleichfalls schon er-
wähnte Lehre vom lebendigen Wissen, indem beide ihre allgemeinen
philosophischen Gedanken mit dem geschichtsphilosophischen Problem
des Verhältnisses zwischen östlicher (russischer) und westlicher Kultur
verknüpfen.
Merkwürdigerweise sind aber die erbitterten Gegner der Slawo-
philen, die sogenannten „Westler“ — von denen ich Tschaadajew,
Alexander Herzen und Bjelinsky erwähne — von dieser prinzipiellen
Geistesrichtung gar nicht weit entfernt. Der katholisch und deshalb
„westlerisch‘“ gesinnte Tschaadajew sucht, wie die Slawophilen, eine
religiös-geistige Grundlage für das staatliche und soziale Leben: er
3 Die russische Weltanschauung
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