Full text: Die russische Weltanschauung

vermißt sie aber in Rußland; er meint, daß der russischen Geschichte 
die sozial-religiöse Zucht und Tradition fehle, die im Westen die 
Grundlage der gesellschaftlichen und staatlichen Kultur bildet, und 
daß deshalb das russische Geistes- und Kulturleben noch ganz amorph 
und primitiv sei. Zugleich verbindet er aber damit (in seinem letzten 
Werke „Apologie eines Wahnsinnigen“) die Hoffnung, daß eben 
infolge dieser Primitivität es Rußland gelingen wird, den langen, 
schwierigen, durch die Entfachung des Individualismus hindurch- 
führenden Weg sich zu ersparen und sofort zur höchsten, organischen 
Stufe der Kulturentwicklung zu gelangen. Merkwürdige Geistesge- 
stalten sind in dieser Hinsicht auch die Stammväter des russischen 
Sozialismus, die „Westler“ Alexander Herzen und Bjelinsky. Vertieft 
man sich in ihre Schriften, so merkt man sofort, einerseits, daß sie 
„Westler“ nur in einem ganz relativen Sinne genannt werden können 
und von ihren Gegnern, den Slawophilen, sich gar nicht so prinzipiell 
unterscheiden, wie es ihnen selber schien, und anderseits, daß hinter 
den sozialpolitischen und geschichtsphilosophischen Ausführungen die- 
ser Atheisten starke und typisch russische religiöse Bestrebungen und 
Ideen verborgen liegen. Alexander Herzen, der zu den Linkshegelia- 
nern gehörte, stürzt sich mit Leidenschaft in die Revolution 1848, 
erwacht aber aus diesem Taumel mit einer Enttäuschung, aus der 
ihm eine ganz neue kulturphilosophische Weltanschauung erwächst. 
Als Sozialist haßt er die „bürgerliche Gesellschaft“ Westeuropas und 
träumt von nun, ähnlich dem Slawophilentum, daß eben Rußland — 
auf Grund seiner Bauerngemeinde und der Abwesenheit individualisti- 
scher Wirtschaftsverhältnisse — viel reifer für den Sozialismus sei, 
als Westeuropa (was auch bekanntlich durch die neuesten Ereignisse 
tatsächlich bestätigt wurde, leider aber in einer Form, die im fein- 
fühlenden geistigen aristokraten Herzen gewiß Abhbscheu erwecken 
würde). Gleichzeitig aber geschieht in ihm ein anderer, prinzipiell 
viel tieferer Umschwung. Er haßt das „Bürgertum“ nicht als eine 
soziale, sondern als eine Kultur- und Geisteserscheinung; das liberal- 
demokratische (und auch sozialistische) Ideal der Gleichheit erscheint 
ihm jetzt als ein Zeichen des geistigen Absterbens Europas, als ein 
tötendes Nivellierungsprinzip, wodurch Europa sich in ein neues 
China verwandelt. In leidenschaftlich dramatischer Form verneint er 
den Fortschritt in der Weltgeschichte; das geschichtliche Leben der 
Menschheit ist ebenso sinnlos — und ebenso erhaben in seiner Sinn- 
losigkeit — wie das kosmische Leben. Und in beiden werden die 
tiefsten, innigsten Herzenswünsche des Menschen, sein Ideal eines 
vernünftigen und freien geistigen Lebens, erbarmungslos zerstampft 
und zu Boden getreten. Herzen hat in diesem Zusammenhange eine 
Reihe von Ideen (in literarisch hervorragender Form) entwickelt, die 
später in Nietzsches geistigem Schaffen für die westeuropäische Welt 
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