Full text : Die russische Weltanschauung

einen Mittelweg einzuschlagen; der Gegenstand unserer Untersuchung
ist nicht die geheimnisvolle und hypothetische „russische Seele“ als
solche, sondern doch ihre, sozusagen objektiven Äußerungen und
Früchte, nämlich hauptsächlich die in den Anschauungen und Lehren
der russischen Denker objektiv und für jeden greifbar vorliegenden
Ideen und Philosophemen; dazu müssen wir noch, um unser Material
nicht unübersehbar zu machen, uns nur mit einer Periode des russischen
 Geisteslebens, nämlich mit dem 19. Jahrhundert begnügen.
Anderseits muß aus diesem Material „die russische Weltanschauung”,
die Eigentümlichkeit der russischen Denkart nicht als etwas abstraktallgemeines,
 sondern als etwas ganz konkretes und wirklich einheitliches,
 durch intuitive Vertiefung und Einfühlung gewonnen werden.
Bei allen Schwierigkeiten, den inneren Gehalt eines nationalen Geistes
in Begriffe zu fassen, und in einer einheitlichen Weltanschauung auszudrücken
 — ganz zu schweigen von der Unmöglichkeit, ihn durch
irgendeine begriffliche Umschreibung zu erschöpfen — müssen wir
doch von der Voraussetzung ausgehen, daß es einen nationalen Geist,
als eine wirklich konkrete, geistige. Persönlichkeit überhaupt gibt, und
daß wir durch Untersuchung seiner Schöpfungen zum Verständnis und
nachfühlendem Ergreifen seiner inneren Tendenzen und Eigentümlichkeiten
 gelangen können. Wer da meint, ein Volk wäre überhaupt
keine konkrete geistige Persönlichkeit, sondern nur ein Kollektivbegriff,
 eine Sammlung von Einzelmenschen, der verneint eigentlich die
innere objektive geistige Einheit des Volkes, und für den würde damit
 auch das ganze Thema einer nationalen Weltanschauung gegenstandslos.

Solch ein geistiges Vordringen zum Erfassen des intuitiven Wesens
der russischen Weltanschauung ist zugleich der einzige Weg, auf dem
man zu einem wirklichen Verstehen und zu einer objektiven Schätzung
der russischen Philosophie. gelangen kann. Spricht man von der „russischen
 Philosophie“, so muß man von Anfang an genau bestimmen,
was unter „Philosophie“ gemeint und in welchem Sinne dieser Begriff
verstanden wird. Es gab und gibt natürlich in Rußland auch eine
„Philosophie“ oder, besser gesagt, philosophische Werke in der gewöhnlichen,
 schulmäßig-systematischen Form, in der zumeist „Philosophie“
 im Westen getrieben wird. Untersucht man aber diese philosophische
 Literatur rein an sich, ohne Beziehung zu ihrem allgemeinen
geistigen Hintergrunde, so fällt es schwer, das wirklich Wichtige und
Originelle in ihr von der Menge des durch die westliche Schultradition
bestimmten abzusondern, und das in ihr herauszufinden, was für
einen, der schon die westeuropäische Philosophie kennt, zur Bereicherung
 und Vertiefung der philosophischen Weltanschauung in irgendeinem
 bedeutenden Maße benutzt werden könnte. Hier gilt es, mit
Bescheidenheit festzustellen, daß die philosophische Forschung in Ruß-
            
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