Full text: Die russische Weltanschauung

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Dazu müssen wir einige ganz bestimmte Denkungsrichtungen und 
geistige Motive wählen, die in der philosophischen Literatur ihre ge- 
nauen Ausprägungen erhalten haben und gleichzeitig als typisch für 
irgendeinen nationalen Geist gelten können, deren wir uns als fester 
Orientierungslinien bedienen können. Als solche Orientierungslinien 
wähle ich zuvorderst einige Denkungsrichtungen, die nicht zu dem 
materiellen Inhalte einer Weltanschauung gehören, sondern die ihre 
formale Natur als Erkenntnistypus charakterisieren; wenn sie auf den 
ersten Blick auch nebensächlich und unbedeutend erscheinen mögen, 
so hoffe ich zu zeigen, daß wir eben durch sie am tiefsten zu den 
nationalen Geisteseigentümlichkeiten vordringen. Da haben wir z.B. 
den sehr charakteristischen Unterschied zwischen Empirismus und 
Rationalismus. Der Empirismus, der Hang, die unmittelbare und 
konkrete Erfahrung als einzige Quelle und Stützpunkt der ganzen 
menschlichen Erkenntnis zu betrachten, bildet bekanntlich eine eigen- 
tümliche Tendenz des englischen nationalen Geistes, von Francis Baco, 
ja von Roger Baco und William Occam, also vom Spätmittelalter an 
bis zum J. St. Mill und dem modernen Pragmatismus. Dagegen würde 
den französischen Geist, von Descartes, ja vielleicht schon von der 
mittelalterlichen französischen Scholastik an, der Hang zum Ratio- 
nalismus charakterisieren, die Neigung, das Wissen auf abstrakt-logi- 
schen Zusammenhängen und auf logischer Evidenz aufzubauen. Wie 
stellt sich nun der russische Geist zu diesen beiden Denkungsarten? 
Hier könnte man erstens sagen, daß das russische Denken ganz 
entschieden antirationalistisch ist. Dieser Antirationalismus ist aber 
weder mit Irrationalismus, d.h. mit irgend einer romantisch-lyrischen 
Verschwommenheit und Unklarheit, mit logischer Undifferenziertheit 
des Geisteslebens identisch, noch bedeutet er einen Abscheu gegen 
exakte Wissenschaft überhaupt oder eine Unfähigkeit zu ihr. Was 
das letztere betrifft, so genügt es, darauf hinzuweisen, daß Rußland, 
trotz der sehr späten Entwicklung der Wissenschaftspflege (die erste 
Moskauer Universität wurde bekanntlich erst im Jahre 1755 gegrün- 
det), einige wirklich geniale Männer der exakten Wissenschaft hervor- 
gebracht hat: ich erinnere hier — um nur von den höchsten Größen 
zu sprechen — an den Universalgelehrten Lomonossow noch im 18. 
Jahrhundert, an den genialen Entdecker der Pangeometrie, Loba- 
tschewsky und an den nicht minder genialen Entdecker des Perioden- 
systems der chemischen Elemente, Mendelejeff. Eine der wichtigsten 
psychologischen Bedingungen für exakte Wissenschaftlichkeit, eine 
gewisse verstandesmäßige Nüchternheit und logische Klarheit — ist 
für die russische Geistesart sogar sehr charakteristisch. (Diese Eigen- 
tümlichkeit kann sich bisweilen auch zu einem wirklichen Rationalis- 
mus steigern, wie er sich z.B. in der Weltanschauung von Tolstoi 
und in den russischen rationalistischen Volkssekten äußert.) Was aber
	        
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