Versuch militärischer Aktionen bildeten, unterstützten und besoldeten sie re-
volutionäre Truppen. Manches Land ging selbst so weit, diese als Verireter
der Jegitimen Regierung anzuerkennen. Später versuchten sie die wirtschaft-
liche Isolierung Rußlands. Man konnte keine schädlichere Politik treiben,
weil man so auf der einen Seite dem Bolschewismus nationalen Charakter
verlieh, ja ihn geradezu zum Verteidiger der slawischen National-Idee stem-
pelte und auf der anderen Seite in den Arbeitermassen der ganzen Welt
ein berechtigtes Vorurteil gegen die anti-russische Politik erzeugte. Dadurch,
daß er von allen europäischen Nationen bekämpft wurde, erhielt der Bolsche-
wismus vor dem Weltproletariat einen Nimbus, der ihm keineswegs gebührte.
Aber der Bolschewismus, mit falschen Waffen bekämpft, reagierte in
seinem gefährlichen Irrsinn mit noch unbilligeren Mitteln, indem er ver-
suchte, aus der russischen Revolution eine Weltrevolution zu machen, und er
beantwortete das illegitime Verfahren mit einem noch illegitimeren, mit dem
Bestreben, allerorten den Kommunismus einzuführen und revolutionäre Er-
hebungen zu nähren und zu besolden.
_ Nach vielen Jahren des Irrtums hat Europa die Moskauer Regierung an-
anerkannt und auf jede Offensive verzichtet; die Moskauer Regierung hat
sich ihrerseits von dem Mißerfolg der Weltrevolution überzeugt und ver-
zichtet langsam auf ihre stolzen Pläne. Aber das Gift der beiden Aktionen
ist im europäischen Organismus geblieben und wird nur langsam daraus ent-
weichen. In der Tat hat jede bolschewistische Aktion immer militaristische
und nationalistische Erhebungen hervorgerufen, und diese Erhebungen haben
ihrerseits das Mißtrauen der demokratischen Parteien und des Sozialismus
nur erhöht. Dies ist eine der wichtigsten Ursachen für das Hinsiechen der
liberalen Idee und für die Krisen, die jedes wahre freiheitliche Regime jetzt
durchmacht.
Es gibt aber auch andere, nicht minder wichtige Ursachen für das Dar-
niederliegen der Freiheit. Die bedeutsamsten Ursachen liegen in den Friedens-
verträgen. Wie man diese auch beurteilen will, sie haben einen Zustand von
Unbeständigkeit und Unsicherheit geschaffen, der das Leben von ganz Europa
erschwert. Auf lange Jahre hinaus wird es Gebiete geben, deren Schicksal
unsicher ist, wird es militärische Besetzungen, Kriegsentschädigungen, Kon-
trollen usw. geben. Vielleicht war auch das zum Teil notwendig. Aber man
kann nicht behaupten, daß das Gefühl der Sicherheit zunimmt.
Es gab vor dem Kriege nur eine elsaß-lothringische Frage. Jetzt gibt es
aber mindestens neun oder zehn ähnliche : nicht nur deutsche, sondern auch
ungarische, bulgarische und russische Rückforderungen. Rußland fordert
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