Full text : Bolschewismus, Fascismus und Demokratie

kann. Italien müßte liberal und demokratisch sein, um gedeihen und erstarken
zu können. Es umfaßt jetzt eine große Zahl von Menschen : etwa zweiundvierzig
 Millionen im Inlande und ungefähr zehn Millionen im Auslande. Das
Gebiet ist so beschränkt, und der Feldbau begegnet in einem beträchtlichen
Teil der Halbinsel so großen Schwierigkeiten in den natürlichen Verhältnissen
(Malaria, unregelmäßiger Regen, Unsicherheit in der Bewässerung), daß
Italien vom Ackerbau allein nicht leben kann. Es braucht vielmehr eine große
Industrie und einen ausgedehnten Güteraustausch. Italiens schon zu dichte
Bevölkerung wächst aber jährlich um etwa eine halbe Million Menschen. Die
mineralischen Bodenschätze sind gering, und die Kolonien haben einen mehr
als bescheidenen Wert und sind ganz ertraglos. Sie werden nie eine große
Entwicklung haben, noch einen großen Einwandererstrom aufnehmen können.
 Aber sie werden zu ihrer Aufschließung großes Kapital erfordern und
werden niemals, vor allem Lybien nicht, nennenswerte Erträgnisse liefern.
Mehr als jedes andere Land des europäischen Kontinents braucht Italien Freiheit
 für seine Existenz und Entwicklung. Italien muß seine Erzeugnisse und
den Überschuß seiner Bevölkerung nach dem Ausland abführen, um die unentbehrlichsten
 Dinge zu erwerben : wenigstens 100 Kilo Korn, Lebensmittel
und Fett für jeden Bewohner, die ihm völlig mangelnden Kohlen, das ihm
fast ganz fehlende Eisen, die Baumwolle, die Düngemittel usw.
‚_ Vor allem muß es nach freiem Güteraustausch und reger, freier Arbeitsamkeit
 trachten. Sein ganzes Streben muß dahin gehen, seine Arbeiter zur Tüchtigkeit
 zu erziehen, die Arbeit, welche „unskilled‘““ (ungelernt) ist, wie die
Engländer sagen, „skilled‘“ zu machen. Es muß all seine Wasserkräfte ausnutzen
 und in den fruchtbareren Landstrichen den Kampf gegen die Malaria
aufnehmen. Italien braucht billiges Kapital, zahlreiche Schulen, einen wohlerwogenen
 Produktionsplan und ein Abflußgebiet für die Auswanderung,
Jede nationalistische Regierung bei anderen Völkern ist für Italien eine
Gefahr und ein Unheil. Jede nationalistische Erhebung in Italien, jede schutzzöllnerische
 Maßnahme, jede mißtrauische Haltung, jede imperialistische Geschmacklosigkeit,
 sei sie auch nur literarisch, muß unvermeidlich nationalistische
 Bewegungen bei anderen Völkern hervorrufen. Der italienische Arbeiter
 ist ausdauernd und genügsam ; seine Stärke ist zum großen Teil die
Folge seiner Bewegungsfreiheit. Was bedeutet für ihn eine nationalistische
Politik ?
Italien muß entweder die anderen Völker beherrschen oder mit ihnen in
Eintracht leben. Die Völker, die Italien umgeben, sind sehr kriegserfahren:
die Franzosen, die Deutschen, die Slaven. Ohne Gefahr und Unheil kann

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