Formen zeigte sein Programm die äußersten radikalen Grundsätze: eine italie-
nische konstituierende Nationalversammlung, aufgefaßt als Teil einer gesamt-
europäischen Revolutionsbewegung, Beseitigung der Monarchie und Prokla-
mation der Volksherrschaft, Beseitigung des Senats und jeder künstlichen
und willkürlichen Art von Vorrechten, Abschaffung der politischen Polizei,
Beseitigung aller Klassentitel, aller Adels- und Ritterschaftstitel, Gewissens-
freiheit und weiteste Religionsfreiheit, Auflösung der Aktiengesellschaften,
Unterdrückung aller Arten von Bank- und Börsenspekulationen, Abschätzung
des Besitzes und Beschränkung der großen Vermögen, Verteilung des Landes
unter Bauerngenossenschaften, Abschaffung der geheimen Diplomatie, Bund
der europäischen Staaten usw. Der Fascismus war eine Form von gemil-
dertem Kollektivismus. Er proklamierte die extremsten Ideen und gewann
die begeisterte Jugend und die mit dem Krieg Unzufriedenen leicht für sich.
Eine Zeitung, die heute das fascistische Programm vom Jahre 1919 ver-
treten wollte, würde sofort von der Zensur der fascistischen Regierung unter-
drückt werden, man würde ihre Herausgeber als Feinde des Vaterlands ver-
folgen. Man würde sie sogar töten oder mindestens mit Rizinusöl strafen.
Während meiner Regierung wetteiferten Mussolini und die Fascisten mit
den radikalsten Sozialisten im Ermutigen und Erregen von Streiks, auch in
den öffentlichen Betrieben, und im Aufstacheln revolutionärer Bewegungen.
Meinem Ministerium folgte ein Ministerium Giolitti. Ich hatte immer, sogar
mit gewaltsamen Mitteln, jede Besetzung von Fabriken verhindert, und die
einzige in Piemont aus besonderen Ursachen vorgekommene Besetzung hatte
keine Folgen gehabt. Der allgemeine Einbruch in die Fabriken fand unter
dem Ministerium Giolitti statt und wurde unerklärlicherweise geduldet; der
Fascismus ermutigte und verteidigte ihn. Der Fascismus war also ursprüng-
lich eine revolutionäre Bewegung. Auch später warf Mussolini den Sozialisten
immer vor, daß sie ihm nicht gefolgt seien und den günstigen Augenblick für
eine revolutionäre Erhebung hätten vorübergehen lassen.
Der günstige Augenblick war in der Tat im Jahre 1919 gewesen, als die
Wiederaufnahme der Arbeit sich als schwierig herausstellte, weil die Kriegs-
neurose noch zu stark war ; die Zahl der Unbeschäftigten war besonders im
kleinen Bürgertum sehr hoch. Damals bestand noch der Glaube an Rußland
und eine allgemeine Unzufriedenheit. In jener schweren Stunde versuchte ich,
alle Maßnahmen zu treffen, welche eine revolutionäre Erhebung am sicher-
sten verhindern konnten. Inmitten der Schwierigkeiten, die nationalistische
und rote Abenteuer mir verursachten, spaltete ich die reaktionären Kräfte
mit einer mutigen demokratischen Politik ; ich vermehrte die Polizei-Mann-
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