gegen den Sozialismus zu sehen. Die Streiks hatten allmählich abgenommen,
aber die Unordnung mancher öffentlichen Ämter und die Verwegenheit man-
cher Arbeiterschichten erbitterten gerechterweise die Allgemeinheit. Die be-
waffneten Scharen des Fascismus durchdrangen die roten Klassen ohne wirk-
lichen Widerstand zu finden. Sie überfielen die Feinde, verteilten Rizinusöl
und brachen in die Konsumvereine ein, was die Regierung auch in den Jahren
1921 und 1922 stillschweigend billigte. Trotz seines Ursprungs wurde so all-
mählich der Fascismus auch aus innerpolitischen Gründen eine weiße Garde
für die Industriellen und vor allem für die Landwirte gegen den Sozialismus.
Mussolini wußte selbst nicht, wohin seine Unternehmung ihn führen
würde: vielleicht hatte er auch weniger ehrgeizige Pläne, als es den Anschein
hat. Ich muß zugeben, daß er oft Versöhnungspläne hegte und daß seine
früheren sozialistischen Freunde äußerlich eine zu starke Unnachgiebigkeit
bezeigten, als sie ihn hart zurückstießen, während sie andererseits keinen
ernsten und mutigen Widerstand boten.
Der Fascismus war vor dem Marsch auf Rom im Herbst 1922 in seiner
letzten Phase schon eine reaktionäre Bewegung geworden. Der Marsch auf
Rom wurde mühelos und fast in stillem Einverständnis mit allen Elementen
der Reaktion ausgeführt. Noch wenige Wochen vor dem Marsch auf Rom er-
klärte Mussolini in einer zu Udine gehaltenen Rede seine republikanische Ge-
sinnung. Aber als er plötzlich erster Minister des Königs wurde, änderte sich
diese Gesinnung. Nach der Verbindung mit den Nationalisten, die zwar gering
an Zahl, aber maßlos und zum Äußersten bereit waren, betonte der Fascismus,
der jeder Eigenlehre entbehrt, seinen anti-demokratischen und anti-liberalen
Charakter. Es hatte keine fascistische Revolution gegeben und es konnte
keine geben; es fand nur ein Vergleich der Staatsmacht mit der Reaktion
statt. Nachdem er die öffentliche Macht errungen hatte, proklamierte der
Führer des Fascismus, der noch am Tag vorher revolutionär gewesen war,
sofort die größte Verachtung für die Freiheit, die er einen verwesten Leich-
nam nannte, und setzte ein Programm auf, das seinen Anfängen gerade ent-
gegengesetzt war. Als Mussolini sich dem Parlament als Haupt der Regierung
zeigte, erklärte er sogleich, daß er aus der dumpfen und grauen Kammer der
Abgeordneten ein Feldlager für seine fascistischen Truppen machen könne,
wenn er wolle, und daß er die Kammer, je nach ihrem Benehmen, zwei
Monate oder zwei Jahre tagen lassen würde. Es erhob sich in der Kammer
keine einzige Stimme des Protestes, und das war an diesem Schauspiel das
allertraurigste und allererniedrigendste. Mit dieser verachtungsvollen Sprache
bekannte sich Mussolini zur Diktatur und bedrohte die parlamentarische
A.)