Rhodus, die Inseln des Dodekanos, die Erythraea, Somalien, Lybien haben
kaum mehr als eineinhalb Millionen Einwohner, die in Lybien stehen zum
großen Teil in Wirklichkeit nicht unter italienischer Oberherrschaft. Soma-
lien und Erythraea haben vielleicht eine bescheidene wirtschaftliche Zukunft,
mit großen Opfern und viel Kapital zu erkaufen; Lybien, die einzige aus-
gedehnte Kolonie, ist, wie ich oft gesagt habe, nur eine riesige Sandbüchse,
welche immer ohne Wert bleiben und niemals einen kleinen Teil der unge-
heueren Summen wieder einbringen wird, die sie gekostet hat.
Wie kann Italien mit seinen jetzigen Kolonien ein Imperium bilden? Und
wie vermag es dies auf andere Weise? Italien grenzt an die Schweiz, an
Frankreich, Österreich und Jugoslavien. Man kann nicht daran denken, der
Schweiz etwas streitig zu machen. Das heutige Österreich ist ein nur noch von
Deutschen bewohnter Staat und bietet daher kein Ziel für imperialistische
Pläne. Kein vernünftiger Mensch kann endlich glauben, daß sich auf Kosten
Jugoslaviens ein Kaiserreich gründen ließe.
Faktisch gibt es in Europa nur zwei Kolonialreiche. Großbritannien be-
sitzt mehr als vierunddreißig Millionen Quadratkilometer Dominions, Schutz-
gebiete und Kolonien. Frankreich hat in Form von Kolonien, Schutzgebieten
und Mandaten etwa zwölf Millionen Quadratkilometer in der Hand. Da Groß-
britannien vor allem Dominions besitzt, d. h. freie Länder, die nur durch ein
politisches und geistiges Band mit dem Mutterland verbunden sind, so ist es
Frankreich, das die meisten wirklichen Kolonien sein eigen nennt.
In der Tat, da in Amerika Gebietserweiterungen unmöglich sind, dem
Land, wo große Massen italienischer Bevölkerung leben, könnte Italien nur
auf den Trümmern Großbritanniens und Frankreichs ein Imperium gründen.
Dies ist nicht nur sinnlos, es ist lächerlich.
Es gibt keine törichtere Behauptung als die, daß Italien für seinen Bevöl-
kerungsüberschuß Kolonien brauche, da, wie man sagt, die Geburten die
Sterbefälle um etwa eine halbe Million jährlich übersteigen. Nur Menschen
ohne Sachkenntnis können so naiv denken. Sie halten Auswanderung und
Kolonisieren für dasselbe und glauben, man könne jedes koloniale Gebiet
ohne weiteres zum Sammelbecken für die Auswanderung machen. Die Länder
mit großem Kolonialbesitz sind im Gegenteil solche, die keine Auswanderung
haben. Dies scheint widersinnig, ist aber leicht zu erklären.
Die Länder mit der größten Auswandererzahl sind solche, deren Eigen-
kapital nicht ausreicht, um die Arbeitskraft ihrer Bevölkerung voll zu be-
schäftigen, die dann notgedrungen in Länder ziehen muß, wo das Kapital
schneller wächst als das Arbeitsangebot. In Frankreich fällt der Beginn der
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