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Eisenbahnen und in den Fabriken gezahlten Löhne und je
länger die tägliche Arbeitszeit der Arbeiter wären, desto
glänzender die Aussichten auf eine größere Dividende. <i
Gleichzeitig wurde der auf dem Finanzgebiet gehaßte
Morgan wegen seiner weitreichenden Macht und seines un-
barmherzigen Vorgehens bei der Durchführung seiner
Ziele sowohl wie bei der Erledigung von Schuldposten in
hohem Grade gefürchtet. Seine Politik bestand darin,
so nahm man an, in einer Korporation einen schwachen
Punkt herauszufinden und sie dann „nach ihrem ganzen
Wert auszupressen‘“ — eine Beschuldigung von sehr großer
Voreingenommenheit, insofern als jeder andere erfolgreiche
Finanzmann unstreitig dieselben Methoden verfolgte, wenn
auch nicht immer auf demselben Wege. Seine Lieblings-
redensart, wenn man ihn nach seinen Unternehmungen
fragte, war: „Ich halte mich nicht meiner Gesundheit
wegen in Wallstreet auf.‘“ Seine Feinde verbreiteten es
Hüsternd, daß er ein „Freibeuter in der Finanzwelt“ sei;
seine Bewunderer — diejenigen, die aus seiner Freigebigkeit
Nutzen zogen — verkündeten laut seine Größe,
Morgan tritt als Kohlenmagnat in den Vordergrund
Wie Morgan verfuhr, als er zusammen mit William
H. Vanderbilt im Jahre 1893 die Philadelphia- und Reading-
Eisenbahn von McLeod an sich riß, davon haben wir schon
eine Beschreibung gegeben. Als Eisenbahn war die Reading-
Linie nicht ausgedehnt; ihr großer Wert lag in ihrem Be-
3äitz von Anthrazitkohlengruben, von großen ungeschürften
Lagern und in ihrem Kohlenfrachtverkehr.
Seiner andern vielseitigen Macht fügte Morgan jetzt die
eines Kohlenmagnaten hinzu. Die Verfassung von Pennsyl-
vania untersagte es, wie wir gesehen haben, den Eisenbahn-
gesellschaften ausdrücklich, Kohlenbergwerke zu besitzen
und zu betreiben. Aber es existierte kein Gesetz, daß die
sehr Reichen nicht umgehen konnten. Gesellschaften von
Strohmännern wurden organisiert, und obwohl jedermann
wußte, daß diese Gesellschaften nur eine Umgehung be-
deuteten, so unternahmen die Behörden des Landes doch