übende Gewalt und das Recht besaß, Verträge abzuschließen und den Krieg
zu erklären, In Wirklichkeit, trotz Bundesrat und Reichstag, d.h. trotz Par-
Jament, stand die Person des Kaisers an der Spitze der Reichspolitik. Seine
jeweiligen Kanzler standen zum großen Teil außerhalb des Parlamentes. Das
deutsche Volk, das eine hohe Stufe der Zivilisation und des Wohlstands
erreicht hatte, wurde in seiner politischen Tätigkeit von wenigen Vertrauens-
männern des Kaisers gelenkt, Gibt es wohl noch Jemanden, der die heftigen
Reden Wilhelms II. loben und das Wirken seiner Vertrauensmänner als einen
Vorteil für Deutschland ansehen kann?
Auch in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn lag die größte Macht
in den Händen des Kaisers. Franz Joseph ist der Herrscher, der am längsten
im kontinentalen Europa regiert hat; er war bigott, vorsichtig und schlau,
Während seiner langen Regierung wurde der Wettstreit und Zwiespalt der
Nationalitäten immer größer, und das Ansehen des Kaiserreiches sank immer
mehr. Ich kannte viele der Vertrauten des Kaisers — die Lenker eines Landes
von elf verschiedenen Nationalitäten, welches erleuchtete und gebildete Män-
ner nötig gehabt hätte. Ich fand mit wenig Ausnahmen nur Höflinge, mehr
oder minder elegante Diener, Zyniker ohne Skrupel, Reaktionäre ohne Ideen.
Die größte Verantwortung für den Krieg fällt auf den Ministerpräsidenten
Graf Leopold Berchtold, Baron von Ungarschitz, Frating und Putlitz. Und
was war er anders als ein zynischer und entarteter Schlemmer?
Zu solchen Monarchien möchten die Lästerer der Parlamente zurück-
kehren? Und wenn nicht zur Monarchie, zu was dann? Kann etwa das auf
Volksbeschluß gegründete Kaiserreich Napoleons III. noch ernsthaft von
Jemandem gewünscht werden?
Auch wenn man von allen ungerechten Beschuldigungen Napoleons III,
absieht, muß man zugeben, daß seine kurze Herrschaft, die mit einer Dik-
tatur begonnen hatte, nur mit einem nationalen Zusammenbruch enden
konnte, dem Krieg von 1870, Das Kaiserreich Napoleons III. war die Frucht
einer Intrige und eines Staatsstreiches und brauchte zu seiner Erhaltung
Reaktion im Innern und politische Abenteuer im Auslande. Niemand möchte
Frankreich solch ein neues Kapitel seiner Leidensgeschichte wünschen.
Wenn es aber weder gesetzliche noch ungesetzliche Monarchien geben kann,
Jäßt sich dann vielleicht mit bürgerlichen oder militärischen Diktaturen
rechnen? Und können solche Diktaturen die Schwierigkeiten der Nachkriegs-
zeit überwinden helfen?
Es gibt, außer in Ländern von geringerer Wichtigkeit, drei Beispiele von
Diktaturen in Europa: Rußland, Spanien und Italien. Kein Anhänger der kon-
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