IV. Das Jch als Massenteilchen
wieweit die Zeitungsverleger Verständnis dafür haben, daß vermehrte
Einnahmen auch vermehrte Pflichten mit sich bringen.
Jedenfalls muß gesagt werden, daß die weit überwiegende Menge
der deutschen Zeitungen bis zum Kriege nach dem Grundsatz „billig
und schlecht‘“ hergestellt wurde, und daß die Nachwirkung dieses
Grundsatzes längst noch nicht überwunden ist. Das harte Urteil
„billig und sschlecht‘“ hat bekanntlich ein sachversständiger Beurteiler
über die Erzeugnisse der deutschen Ausfuhr-Industrie gefällt, bevor
sie sich, etwa von 1878 an, den Bedürfnissen des Weltmarktes an-
zupassen begann. Daß diese Anpassung unerläßlich sei, hat der aus-
ländische Wettbewerb der Industrie beigebracht. Zeitungen aber
unterliegen keinem Wettbewerb vom Ausland her. Sie hinderte
nichts, im bequemen Schlendrian des „,,billig und schlecht‘" fortzu-
wursteln ~ bis der Krieg uns auch für die Unterlassungssünden auf
diesem Gebiet die Quittung überreicht hat.
Die militärische Niederlage Deutschlands im Weltkrieg hat sich
zu einer jahrelangen Nervenkrise des ganzen Volkes ausgewirkt, die
ohne Beispiel ist in der neueren Geschichte. Diese Nervenkrise ist,
wie jede Wirkung, der Kreuzungspunkt ganzer Reihen von Ursachen.
Eine Auffassung, die die deutsche Presse in einer dieser Ursachen-
reihen nicht glaubt suchen zu brauchen, ist einfach lächerlich. Wie
kann das Denkorgan, das die Einstellung des Massenteilchens Ich
zum Staate vermittelt, in Ordnung gewesen sein, wenn der Staat
über Nacht zusammenstürzte wie ein baufälliges Haus ?
Die deutsche Presse hat es freilich an Selbsstlob, auch in bezug auf
den Krieg, nicht fehlen lassen. Selbstkritik wär eher am Platze
gewesen. Die deutsche Presse bescheinigt sich in diesem Zusammen-
hange selbst mit Vorliebe, daß sie „gut unterrichtet” und daß sie
„micht käuflich“ gewesen sei. Es ist wahr, die Presse deutscher
Zunge verwendet auf „Auslandsnachrichten“’ mehr Raum als die
Presse irgendeines andern Volkstums. Aber war sie deshalb ,,besser
unterrichtet"? Am Ergebnis gemessen, könnte man doch nur sagen,
der gesamte Auslandsdienst der deutschen Presse sei keinen Schuß
Pulver wert gewesen. War doch das deutsche Volk, bei Ausbruch
des Krieges, über die Einstellung der Welt zu den deutschen Dingen
einfach fassungslos! Was sich da draußen, in der Welt rings um
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