gebot jährlicher Sachleistungen von ungefähr zwei Milliarden
Goldmark und einer Geldannuität von einer Milliarde Goldmark
käme, so würde eine geeignete Grundlage für die Reparationsver-
handlungen zu schaffen sein, Die Sachleistungen sollten Deutsch-
land möglichst hoch angerechnet werden, so daß sie ausreichen
würden, die vorgesehenen zwei Milliarden zu decken,
Ich war zuerst sehr skeptisch, weil mein englischer Gewährs-
mann, ganz abgesehen von der Höhe der Zahlungen, die Möglich-
keiten einer Einigung viel zu optimistisch beurteilte und an-
scheinend von dem ehrgeizigen Wunsche getrieben wurde, unter
der Hand eine husarenmäßig schnelle Lösung des großen Problems
zustande zu bringen. Aber auch von französischer Seite wurde mir
bestätigt, daß die „positive Richtung‘ letzthin in Frankreich stark
an Boden gewonnen habe, Es setze sich immer mehr die Ueber-
zeugung durch, daß es notwendig sei, mit Deutschland zur wirt-
schaftlichen Zusammenarbeit zu kommen, wenn man die Gefahr
des baldigen Zusammenbruchs der europäischen Zivilisation ab-
wenden wolle, Es gelte jetzt, die öffentliche Meinung in Frank-
reich zu überzeugen, daß Deutschland den festen Willen habe,
sogleich etwas Erhebliches für Frankreich zu leisten. Die Leistung
könne zur Zeit zwar nicht in Geld, wohl aber in Materialien und
Arbeit bestehen, Ob sich eine wirkliche Mitarbeit Deutschlands
am Wiederaufbau entwickeln könne, hänge von ungelösten poli-
tischen und sozialen Fragen ab, Vorläufig handle es sich um eine
vernünftige praktische Regelung der Sachlieferungen,
Auf diesen vertraulichen Mitteilungen fußte meine oben wieder-
gegebene Konferenzrede,
Gleichzeitig erfuhr ich, daß es der Reparationskommission vor-
aussichtlich möglich sein würde, zum 1, Mai 1921 eine Schadens-
summe festzusetzen, die sich wesentlich unter ‚den bisherigen
Schätzungen halten würde. Da der Gesamtbetrag der von
den Alliierten angemeldeten Schadensansprüche auf 200 bis
300 Milliarden hinauslaufe, denke man daran, gewisse zweifel-
hafte Vorschriften des Versailler Vertrages zugunsten von Deutsch-
land auszulegen und damit den Gesamtbetrag des Schadens auf
etwa 100 Milliarden Goldmark hinabzuschrauben,
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