Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

Die ungenügende Ansicht von der Stellung des einzelnen Kauf 
manns übertrug sich so auf das Yolksganze, und derselbe Mangel 
an Unterscheidung, welcher nur nach dem Geldstoff fragen 
liess, führte sich auf diese Weise in das Gesammturthoil über 
die allgemeinen wirthschaftlichen Zustande ein. Man muss sich 
künstlich auf diesen Standpunkt der noch sehr rohen Beur- 
theilung und Handhabung der Geschäfte zu versetzen suchen, 
um überhaupt an ihn glauben zu können. Man muss die schrift 
stellerischen oder sonstigen in nicht eigentlich theoretischen 
Schriftstücken enthaltenen Zeugnisse unter Vermeidung jeder 
unwillkürlichen Voraussetzung und Unterlegung unserer heutigen 
Denkungsart würdigen, wenn man überhaupt zu einem Vor- 
ständniss jener geschichtlichen Unentwickelthoiten des wirth 
schaftlichen Denkens gelangen will. 
5. Die Italiener pflegen Antonio Serra von Neapel als den 
jenigen Mann zu betrachten, der ihre umfassende, in einem 
weiteren Sinne des Worts ökonomische Literatur oingeleitet 
habe. Nehmen wir diese Auffassungsart an und lassen wir 
zugleich die Idee gelten, dass sich die ersten ernstlicheren 
Versuche wirthschaftlicher Orientirung da vollzogen haben und 
vollziehen mussten, wo Vorkehr und Wissenschaft zu allererst 
wieder angeregt wurden, so können wir Serras Buch mit seinem 
höchst charakteristischen Titel als eine Art Inschrift am Ein 
gänge der neuern Vorgeschichte der Oekonomie betrachten. 
Es ist dies ein „Kurzer Tractat von den Ursachen, welche, wo 
Bergwerke nicht vorhanden sind, dön Ländern eine reichliche 
Versorgung mit Gold und Silber ermöglichen” (far ahondare 
d’oro o d’argento). Diese merkwürdige Schrift ist 1613 aus dem 
Gefängniss datirt und rührt übrigens von einem Manne her, 
der schon durch seinen Charakter und seine Schicksale eine 
besondere Aufmerksamkeit verdient. Zwar ist der Ausgang 
seines Lebens in Dunkel gehüllt, und auch seine Schrift hat 
später erst wieder aufgosucht werden müssen; doch woiss 
man, dass er 10 Jahre dem Kerker anhoimfiol und dass er sich 
die Namen der Genossen des republikanischen, gegen die Eromd- 
herrschaft gerichteten Unternehmens, in welchem er agirt hatte, 
auch nicht durch die Folter entreissen liess. Es ist bei ihm 
also doch wenigstens vorauszusetzen, dass er die Feder nicht 
zu eitlem Geschwätz und nicht dazu angesetzt habe, um etwas 
zu schreiben, wovon er nicht überzeugt gewesen wäre. Auch
	        
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