thumbs : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

1.  Der  Übergang  Deutschlands  vom  Agrarstaate  zum  Industriestaats.  463

II.  va§  Problem  -es  Industriestaates.

1.  Der  Übergang  Deutschlands  vom  Agrarstaate
zum  Industriestaats.
Von  Ludwig  Pohle.
Pohle,  Die  Entwicklung  des  deutschen  Wirtschaftslebens  im  letzten  Jahrhundert.
Fünf  Vorträge.  2.  Aufl.  Leipzig,  B.  G.  Teubner,  1908.  S.  21—26.
Bis  zur  Gründung  des  neuen  Reichs  ist  die  schärfere  Ausprägung  des  industriestaatlichen ­
  Charakters  Deutschlands  ganz  überwiegend  das  Ergebnis  der  Entwicklung
der  innerdeutschen  Verhältnisse.  Das  Maß  von  Industrialisierung,  das  Deutschland
bis  zu  diesem  Zeitpunkt  erreichte,  hat  es  in  der  Hauptsache  aus  eigener  Kraft  erreicht.
Der  Handelsverkehr  mit  dem  Auslande  ist  dagegen  zur  Erklärung  der  Erscheinung
erst  in  zweiter  Linie  heranzuziehen.  Die  Hauptursache  der  Zunahme  der  gewerblichen
Quote  der  Bevölkerung  bis  1871  ist  im  Grunde  höchst  einfacher  Natur.  Sie  liegt
in  der  fortschreitenden  Loslösung  der  gewerblichen  Tätigkeit  von  der  Hauswirtschaft
und  ihrer  Verselbständigung  zu  besonderen  Berufen.  Bei  immer  mehr  Gewerbeerzeugnissen ­
  tritt  an  die  Stelle  der  familienwirtschaftlichen  Eigenproduktion  die  berufsmäßige ­
  gewerbliche  Herstellung.  Und  dieser  Prozeß,  z.  B.  das  Aufhören  des  Spinnens
und  Webens  für  den  eigenen  Bedarf,  war  unbedingt  notwendig,  wenn  man  der  Vorteile ­
  der  neuen  Technik,  die  für  diese  Gewerbe  im  18.  Jahrhundert  erfunden  worden
war,  teilhafllg  werden  wollte.  Nur  bei  einer  Produktion  im  großen  konnten  die
neuen  Arbeitsmethoden  ihre  gewaltig  verbilligende  Wirkung  entfalten.  Infolgedessen
ist  nicht  nur  in  den  Städten,  sondern  auch  in  den  Dörfern  im  19.  Jahrhundert  die
gewerbliche  Arbeit  im  Hause  für  die  Bedürfnisse  des  Hauses,  die  zu  Anfang  des
Jahrhunderts  noch  so  erheblichem  Umfang  besaß,  immer  mehr  eingestellt  worden.
Das  Spinnen  und  Weben,  das  Nähen  und  Schneidern,  das  Backen  und  Schlachten,
das  Seifekochen  und  Lichterziehen,  das  Bierbrauen  und  Krauteinlegen  und  noch  eine
ganze  Reihe  anderer  gewerblicher  Arbeiten,  sie  hören  zunehmend  auf,  hauswirtschaftliche ­
  Tätigkeiten  zu  fein,  und  werden  besondere  gewerbliche  Berufe.  Statistisch
stellt  sich  der  Vorgang  aber  als  eine  Zunahme  des  gewerblichen  auf  Kosten  des  landwirtschaftlichen ­
  Teiles  der  Bevölkerung  dar.
Eigentlich  handelt  es  sich  dabei  freilich,  wie  unschwer  zu  erkennen,  nur  um  eine
scheinbare  Verschiebung.  Denn  die  Landwirte,  deren  Zahl  nach  der  Statistik  abnimmt,
dürfen  nur  cum  grano  salis  als  Landwirte  bezeichnet  werden.  In  Wirklichkeit  sind
sie  Berufszwitter,  die  vielleicht  %  ihrer  Arbeitszeit  mit  landwirtschaftlichen  und  %  mit
gewerblichen  Arbeiten  beschäftigt  sind.  Wenn  nun  an  Stelle  dieses  Zustandes  ein
neuer  tritt,  bei  dem  sich  die  Landwirte  viel  ausschließlicher  der  Urproduktion  widnien,
auf  die  Eigenproduktion  der  von  ihnen  gebrauchten  Gewerbeprodukte  aber  verzichten,
diese  vielmehr  von  fremden  Wirtschaften  fertig  beziehen,  so  ist  klar,  daß  in  der
Statistik  hieraus  eine  prozentuale  Zunahme  der  Gewerbtreibenden  sich  ergeben  muß.
Denn  die  Statistik  ermittelt  ja  nur,  wieviel  Menschen  sich  berufsmäßig  den  verschiedenen ­
  Produktionszweigen  widmen,  —  und  die  Zahl  der  berufsmäßigen  Gewerbtreibenden ­
  nimmt  naturgemäß  durch  diese  Entwicklung  zu  —  sie  untersucht  aber
nicht,  wieviel  gewerbliche  Arbeit  früher  und  jetzt  in  den  einzelnen  Haushaltungen
geleistet  worden  ist.  In  Wahrheit  handelt  es  sich  aber  bei  dem  Vorgang,  der  statistisch
als  ein  relatives  Wachstum  der  Industrie  erscheint,  nicht  um  einen  Rückgang  der
Landwirtschaft,  sondern  nur  um  eine  Einschränkung  der  hausgewerblichen  Eigen-
            
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